Von Rainer Balcerowiak
20.07.2012

Sauberer Strom aus Bürgerhand

80 000 Menschen beteiligen sich bereits an kommunalen Energiegenossenschaften

In Zeiten hoher Energiepreise und steigenden Ökobewusstseins sind Energiegenossenschaften für viele eine Alternative zu Stromkonzernen.

Noch sind die 506 im Deutschen Genossenschafts- und Raiffeisenverband e.V. (DGRV) organisierten Energiegenossenschaften ein vergleichsweise kleiner Akteur auf dem deutschen Strommarkt. Doch sie sehen sich im Aufwind und haben große Pläne, wie der DGRV-Vorstandsvorsitzende Eckard Ott am Donnerstag auf einer Pressekonferenz in Berlin erläuterte.

80 000 Bürger haben bereits Anteile an den kommunalen Versorgern gezeichnet, seit 2005 wurden 800 Millionen Euro in neue Anlagen investiert, wobei der Schwerpunkt auf Photovoltaik liegt. Nach Berechnungen des DGRV reicht die erzeugte Strommenge von jährlich 290 000 Megawattstunden rechnerisch aus, um die Haushalte aller Mitglieder mit Energie zu versorgen.

In einer Umfrage unter den Betrieben wollte der Verband sowohl die Strukturen der einzelnen Genossenschaften, als auch die Motivationen der Mitglieder ergründen. Diese sind äußerst vielfältig. Im Mittelpunkt, so Ott, stünden eindeutig der Wunsch nach Unterstützung der umweltpolitisch gebotenen Energiewende, die aktive demokratische Teilhabe an der Geschäftspolitik und die Förderung der regionalen Wertschöpfung. Auch die attraktive jährliche Dividende von durchschnittlich vier Prozent und der Wunsch nach vom Profitstreben der Energiekonzerne unabhängigen, langfristig günstigen Energiepreisen spielten eine Rolle.

Anders als bei Kommandit- oder Aktiengesellschaften sind die Hürden für eine Beteiligung bei Genossenschaften sehr niedrig. Die meisten haben 20 bis 200 Mitglieder, die durchschnittliche Einlage beträgt 3172 Euro, der Einstieg ist aber in den meisten Fällen bereits mit einem Betrag von 50 Euro möglich. Das Stimmrecht ist von der Höhe der Einlage unabhängig. Der Eigenkapitalanteil der Betriebe beträgt bei den Investitionen 40 Prozent, der Rest wird hauptsächlich bei Genossenschaftsbanken und regionalen Sparkassen aufgenommen. 21 Prozent der regionalen Versorger in Bürgerhand arbeiten sogar ohne jegliches Fremdkapital.

Einer der größten Betriebe dieser Art ist die Neue Energien West e.G (NEW) in Neustadt in der Oberpfalz (Bayern). In ihr sind zwei Stadtwerke und 16 Kommunen zusammengeschlossen. Während die NEW für die Projektierung und Realisierung der Anlagen zuständig ist, sorgt die angeschlossene Bürgerenergiegenossenschaft West e.G für die Finanzierung der Projekte. 52 Prozent des Stromverbrauchs der 92 000 Einwohner werden bereits genossenschaftlich erzeugt, und für Helmut Amschler, den Geschäftsführer der NEW e.G., ist das Ende der Fahnenstange noch nicht erreicht. Man habe viele Projekte in der Pipeline, wie Photovoltaikanlagen an Bahndämmen, einen Windpark und Wärmeerzeugung aus Biogasanlagen.

Dabei geht es nicht nur um Energie: Für Amschler ist die nachhaltige regionale Wertschöpfung ein wesentlicher Faktor in der strukturschwachen Region, zumal einer der größten Arbeitgeber, der Stützpunkt der US-Army in Grafenwöhr, die Zahl seiner deutschen Mitarbeiter in den kommenden Jahren drastisch reduzieren wird. Amschler erinnerte an den Leitsatz des Raiffeisenverbandes aus den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts: »Das Geld des Dorfes dem Dorfe«.

Auch Philipp Vohrer, Geschäftsführer der Agentur für Erneuerbare Energien (AEE) sieht große Entwicklungspotenziale für die Energiegenossenschaften. Kritik an der vermeintlichen Ineffizienz von Solaranlagen wies er zurück. Der Förderbedarf sinke stetig, und nach Abschreibung der Anlagen könne in absehbarer Zeit Solarstrom zu konkurrenzfähigen Preisen produziert werden. Nötig seien allerdings verstärkte Investitionen in flexible Netze und Speichertechnologien.

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