26.07.2012

Notizen aus Venedig

Unwillkürlich nehme ich die Angewohnheiten eines Inselbewohners an. Morgens gehe ich die Uferpromenade, die eigentlich gar keine ist, von der Redentore-Kirche zum Hilton Mulino Stucky (einer ehemaligen Fabrik) hinauf. Macht etwa zwanzig Minuten. Vor diesem erst vor kurzem aufwendig ausgebauten Riesen-Backsteingebäude bleibe ich unschlüssig stehen. Soll ich es mir vielleicht einmal von innen ansehen? Michael hat gesagt, ich könne ruhig bis zum Dach hinauf fahren und von der Bar aus den Rundblick genießen. Aber das hat Zeit. Und wozu auch, die Hiltons dieser Welt sehen überall gleich aus, ich muss nicht unbedingt von dort aus auf Venedig blicken, das überlasse ich den Rentnern aus Texas, die hier absteigen. Also gehe ich wieder zurück.

Das Hilton liegt schon halb im Hafenbecken und grenzt an den sozialen Wohnungsbau von Giudecca, für den man mit wahrer Liebe nach einem Werkstoff griff, der hier sonst Tabu ist: Beton! Auch ein gut verstecktes Rathaus in leicht venezianisch variierter Bauhaustradition gibt es. Wie überhaupt das Leben in der zweiten Reihe auf Giudecca ein ganz anderes ist, als man vermutet. Da ist der Campo Junghans mit dem modernen Schulkomplex, einem großen, jedoch nur durch eine armbreite Gasse erreichbaren Coop-Markt - das ganz normale Leben verbirgt sich hinter der aufrecht erhaltenen Kulisse. Man könnte fast auf den Gedanken verfallen, von hier aus werde das Museum Venedig betrieben.

Mir scheint, der Venedig-Reisende mit zuviel Geld wohnt doch lieber im »Danieli« mit seiner jahrhundertealten Tradition; ohnehin hat Venedig längst zu viele Hotels, über 150 kann man allein im Internet buchen. Der Blick vom Hilton geht auf die Abfertigungshallen der Kreuzfahrtschiffe und die Hafenanlagen und weiter bis nach Mes

tre. Mich erinnert das ans Ruhrgebiet. Ich schaue zum anderen Ufer, dreihundert Meter weiter ist schon der Markusplatz. Aber wie alle Kleinweltenbewohner frage ich mich unschlüssig, ob ich denn heute unbedingt die Überfahrt unternehmen soll. Es sind so viele Menschen unterwegs und was soll ich eigentlich da? Meinen Spaziergang kann ich auch hier machen.

Auf Giudecca entdeckt man das Leben auf dem Dorfe. Man wird auf seltsame Weise genügsam, so wie Sokrates auf dem Marktplatz von Athen, der mit dem Satz berühmt wurde: Wie viele Dinge sehe ich, die ich nicht brauche! Klingt wie Ignoranz, ist aber das Gegenteil davon! Zumal auf einer Insel, denn das ist Venedig bis heute geblieben, trotz Eisenbahndamm und Flughafen. Man fühlt sich inmitten von Millionen Besuchern isoliert, aber trägt es wie eine Auszeichnung. Und so vermischt sich die Einmaligkeit dieser Stadt mit der offenkundigen Provinzialität ihrer Bewohner, die sowohl zu Beschränktheit wie zu Melancholie führt. Ersteres ist für den Besucher immer ärgerlich, letztere besitzt Anlagen für Poesie.

Auf halbem Wege von der Redentore zum Hilton liegt das Büro der Italienischen Kommunistischen Partei. Ein tristes Ladenlokal neben dem des Fanvereins von Inter Mailand. Im vergitterten Schaufenster der IKP sehe ich in der zweiten Reihe Fotos von Enrico Berlinguer, Antonio Gramsci und Che Guevara, daneben eine aufgeblätterte »Storica fotografia del partito communista Italiano«, in der ersten Reihe liegen lauter Halsketten aus Murano-Glas. Wenn das nicht ein Spiegel der unorthodoxen Symbiosen aus Revolution und Kommerz ist, für die der sogenannte Eurokommunismus von den Marxisten-Leninisten strenger Observanz einst so beargwöhnt wurde!

Fünfzig Meter weiter hat auch die Partito

Socialista einen Schaukasten, der auf sein durch eine enge Gasse erreichbares »Centro Culturale« verweist. In großen Buchstaben steht hier »Avanti!«. Heute wird dort »Mein Freund Harvey« mit James Stewart gezeigt.

Als ich vom Mulino Stucky zurückkomme, gibt es vor dem IKP-Büro einen kleinen Menschenauflauf von einem halben Dutzend älterer Herren. Man hat gerade mit einer Verlängerungsschnur einen Trennschleifer im benachbarten Andenkenladen angeschlossen, denn das große Vorhängeschloss an der Gittertür ließ sich nicht mehr öffnen. Nun hält ein graubärtiger Mann, vermutlich der IKP-Sekretär von Giudecca, nicht ohne resignatives Pathos das Schneidegerät ans Schloss. Es kreischt laut auf, Funken fliegen, Sekunden später fällt es zu Boden. Quaranta Euro!, kommentiert der Graubärtige vorwurfsvoll, die Umstehenden schauen betroffen, was wohl vermuten lässt, das die vierzig Euro für ein neues Vorhängeschloss gleich Sitzungsthema sein werden.

Von meiner Terrasse aus sehe ich gleich neben dem vormaligen Frauengefängnis einen Garten liegen, den man nur über eine Brücke erreicht und der von einem Tor verschlossen ist. Man sieht nie jemanden dort drüben. Am Eingang steht »Giardino Eden«. So perfektioniert man die Kunst, sich vor der Welt zu verbergen. In einem Film über Giudecca sah ich einmal genau so einen Garten, der gehörte dem Sohn (oder war es schon der Enkel?) von Mussolinis Industrieminister, der einst den Ausbau von Mestre vorantrieb. Hier hat mancher Gründe, nicht seinen Namen an die Haustür zu schreiben.

Auf dem Klingelschild von »Stefy« steht übrigens »Polo di Milano«. - Wenn ich jetzt noch einen Zettel am Briefkasten befestige, »Gunnar di Berlino«, kann man mir sogar hierher schreiben.

(Fortsetzung folgt)

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