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Von Lilian-Astrid Geese
26.07.2012

Spannend und genial gemixt

William Boyd: Sein Roman »Eine große Zeit« ist Milieustudie und Spionagegeschichte in einem

Sehnsüchtig erwartet und nun erschienen: »Eine große Zeit« (im englischen Original »Waiting for Sunrise«), das aktuelle Buch des in London und Frankreich lebenden William Boyd. Wie bereits in mehreren anderen Werken setzt sich Boyd auch hier mit der Identität des Individuums und dem Verlust von Identität auseinander. Es ist ein Thema, das ihn fasziniert. »Der Spion ist in gewisser Weise das beste Beispiel dafür, wie man seine Identität ändert«, sagte er dazu einmal in einem Radiointerview.

Nachdem er seine Leser in »Ruhelos« in die Welt russischer und britischer Spione entführte und in »Einfache Gewitter« einen amerikanischen Pharmavertreter in London auf die Piste schickte, spielt der neue Roman in Wien, Genf, London und an der Westfront des Ersten Weltkriegs. Die Handlung dreht sich um Psychoanalyse, griechische Mythen, modernes Theater und Geheimagenten. Jede Menge Haupt- und Nebenfiguren bevölkern das narrative Universum William Boyds, den viele mittlerweile mit John Le Carré vergleichen. Jede Person seiner Geschichte(n) wird so lebensvoll geschildert, dass man am liebsten allen in ihre fiktive Welt folgen möchte. Denn »pralle Charaktere« sind Boyds Spezialität.

Kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs zieht es den jungen Schauspieler Lysander Rief nach Wien. Seine nach zweiter Ehe erneut verwitwete Mutter ist Österreicherin, und Wien soll für den Sohn des berühmten Schauspielers Halifax Rief die Stadt sein, die ihn kuriert. Dies ist kein Zufall: In Wien praktiziert Sigmund Freud. Rief möchte bei einem seiner englischsprachigen Kollegen eine Therapie machen, um seine sexuellen Probleme zu bewältigen, bevor er die junge Schauspielerin Blanche heiratet. Doch es scheint weniger der Freud-Schüler Bensimon als die geheimnisvolle - und offenbar drogenabhängige - Hettie Bull, die den jungen Mann »heilt«. Hoffnungslos verliebt in die zierliche Frau, die eigentlich so gar nicht sein Typ ist, löst Rief die Verlobung mit Blanche. Ginge es nach ihm, bräuchte sich Hettie nur von ihrem selbstherrlichen, österreichischen Künstlergatten Udo Hoff zu trennen, und einer gemeinsamen Zukunft stünde nichts mehr im Wege. Doch dann gerät der junge Engländer in den Strudel von Geheimdiensten, Kriegswirren, Liebe, Kriminalität und Leidenschaft und sieht sich mit zahlreichen Fragen konfrontiert: Wer ist der Verräter britischer Militärgeheimnisse an die Deutschen? Für wen arbeitet Laurence Duchesne? Kann Lysander Rief seinen Londoner Kontaktmännern Munro, Massinger und Fyfe-Miller trauen?

Wie zuletzt in »Einfache Gewitter« und »Ruhelos« webt Boyd auch hier ein hoch spannendes, komplexes Netz aus Spuren miteinander verschmelzender Schicksale und einzigartiger Charaktere in einer Prosa, die Theater, Film, Detektivgeschichte, Spionagethriller, Milieustudie und historischen Roman genial mixt. Boyd, 1952 in Accra, Ghana, geboren und für seine bisher elf Romane, Kurzgeschichten, Drehbücher und Essays mehrfach ausgezeichnet, beweist ein weiteres Mal, dass er einer der besten modernen Vertreter der klassischen englischsprachigen Literaturtradition ist. Boyd ist ein wahrer Erzähler.

William Boyd, Eine große Zeit. Roman. Aus dem Englischen von Patricia Klobusiczky. Berlin Verlag. 446 S., geb., 22,90 €.

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