Von Volkmar Draeger
27.07.2012

Talentförderung der großen Art

»Kunst braucht Fläche« und präsentiert sich auf Plakatwänden

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Ausstellungsorte des Projekts »Kunst braucht Fläche«

Es ist für junge Künstler nicht leicht, eine Galerie für eine Ausstellung zu gewinnen: Fast alle haben ihre langjährige und angestammte Klientel, möglichst große, bewährte Namen. Was aber passiert mit den aufstrebenden Talenten noch ohne Renommee? Um sie kümmert sich eine Studentin der Kulturwissenschaften. Katja Sergeeva hatte die zündende Idee, ihnen Ausstellungsflächen zu verschaffen. Nicht in Innenräumen, sondern draußen, wo Flaneure und Passanten teilhaben dürfen am Denken, Schaffen, Werden der Talente. Als Partner konnte sie mit der AV Außenwerbung GmbH & Co. KG ein 1998 gegründetes Plakatanschlagunternehmen gewinnen, das auf kulturaffine Werbung spezialisiert ist, neben Berlins Opernhäusern und Theaterbühnen auch Konzertveranstalter sowie Produktionsfirmen der Musik-, Film- und Kinoindustrie zu seinen Kunden zählt.

Mit dieser großzügigen Unterstützung im Rücken konnte ein Bewerbungsverfahren ausgeschrieben werden, an dem sich rund 100 Künstler beteiligten. Für neun Standorte direkt in der City wurden 18 internationale wie nationale Bewerber ausgewählt, sich großflächig im Stadtraum zu präsentieren. Dabei gab es keinerlei einschränkende Vorgaben: Erlaubt waren Fotografie, Zeichnung, Malerei, Collage, Grafik, ob bereits bestehend oder eigens für den Anlass kreiert. Auf besonderes Interesse stießen bei den jungen Künstlern jedoch Fotografie, Grafik und Arbeit an der Plakatfläche.

Als Beispiel für den letzteren Trend steht Tofa, der unter dem Motto »The journey should start in your mind« zur Eröffnung des Parcours eine neue Freifläche an der Kreuzung Torstraße/Alte Schönhauser Straße/Schönhauser Allee mit einer bildtextlichen Arbeit aus Malerei und Sprühschablonen-Collage zum Wahrnehmen der Umgebung anregen möchte. Unweit an der Torstraße 103 zeigt Vincent Barker sein Großfoto »Zwischen Alt und Jung«: Einem Mädchen raucht ein bärtiger Alter ins Gesicht, auch ein Weg der Kontaktnahme. Mit 10 x 2 Metern selbes Format wie Tofas Fläche haben an der Schönhauser Allee 136 Silke Mayers Foto »Inside out Berlin« aus zwölf in Glück oder auch Liebe grimassierenden Gesichtern und an der Kreuzung Stralauer Allee/Alexanderstraße Loudwig van Ludens' »Anamorphes Berlin«, ein über technische Verfahren raffiniert verzerrtes Foto. In gleicher Größe zieht an der Heinrich-Heine-Straße 70 sicher Ölscher/Beths Foto einer schmalen Winterlandschaft auf weißem Grund die Blicke auf sich, lässt an der Stralauer Allee/Alexanderstraße Sasha Zivkovic auf »Belgian Embassy« neun Personen vor einer begrünten Betonwand und zwischen Pflanzen gefasst hüpfen, so ironisch brechend, was man gemeinhin in einer Botschaft tut. An der Bernauer Straße 50 lässt auch Alexandre Sannen seine Live-Malerei mit Video-Kunst kontrastieren.

Von den drei Arbeiten an der Greifswalder Straße 223 überzeugt Aimee Bogacz' Kupferstich-Druck »Oh the Grand Old Duke of York« mit einem skizzenhaft vervielfältigten Soldaten, der in blindem Gehorsam seinem Offizier hinterhermarschiert, während unten am Rand ein Kürbiskopfmännchen ratlos zusieht. Julia Steckbauers Fotocollage fixiert ein Gitter, auf das Licht ein menschliches Profil zaubert. »Verwundbarkeit ist schön…«, eine Grafik von Scherübl/Kais an der Heinrich-Heine-Straße 70, will aufmerksam auf das machen, was wir zu gern unterdrücken.

Als besonders anregend, weil stark assoziativ erweist sich an der Kreuzung Stralauer Allee/Alexanderstraße Mirja Buschs Foto »Dreieck in der Wüste«. Entstanden ist es während eines einjährigen Studienaufenthalts in Chile, dort in der Uyuni-Salzwüste, einem der trockensten Orte weltweit. Weit entfernt auf hellrissigem Boden hat Busch einen Menschen mit übergestülptem Pappdreieck platziert; hinterm scharflinigen Horizont leuchtet so blau der Himmel, als pulse hier das Leben.

Bevorzugt mit Objekten in der Landschaft arbeitet die 1978 in Hamburg geborene, in Berlin lebende Künstlerin, die in Braunschweig Bildhauerei in einer Malklasse studierte, ein Diplom auch in Fotografie besitzt, den Magister in Santiago de Chile erwarb. Mit Objekten in der Natur Malerei produzieren, Dreidimensionales in die Fläche »kippen« will sie seither. Die Fotografie scheint ihr dafür das ideale Medium. In den USA, wohin sie nächstens reist, werden ihr wohl ebenso beeindruckende Arbeiten gelingen wie etwa in Chiles Salzwüste.

Bis 5.8., Kunst braucht Fläche, diverse Stellorte, Infos unter www.presse.don-berlin.com und www.av-tour.de