Von Velten Schäfer
27.07.2012

Chaostage in Stavenhagen?

Hunderte Punks wollen Party feiern - während die Stadt im Nordosten ein Verbot durchsetzen will

Im beschaulichen mecklenburgischen Stavenhagen droht die Invasion der Bunthaarigen: Auf der Suche nach einem Ausweichort ist ein traditionsreiches Punk-Festival ausgerechnet auf die »Reuter-Stadt« verfallen.

Stavenhagen sieht sich selbst als eine Kulturstadt, und zwar als eine Stadt der etwas gesetzteren Kultur. Der niederdeutsche Dichter Fritz Reuter ist hier geboren, es gibt ein schönes Denkmal, auf dem Reuter in Denkerpose auf einem Stuhl sitzt, abgelenkt in einem Buch zu blättern scheint und freundlich auf die Kinder der Stadt blickt.

Auch sonst scheint die kleine Stadt, die unter anderem durch die Ansiedlung des Logistikzentrums einer großen Discountkette den Nachwende-Verlust der einstmals mächtigen Militärgarnison wettmachen konnte und für Nordost-Verhältnisse als wohlhabend zu gelten hat, ein überwiegend ruhiges Pflaster. Bis, vielleicht, zu diesem Wochenende.

Wenn nämlich tatsächlich das passiert, was sich derzeit im Internet zusammenbraut, könnten dort in diesen Tagen Hunderte Punks auflaufen - in der Erwartung, dort auf eine Riesensause zu treffen. Auch vierstellige Teilnehmerzahlen sind nicht ausgeschlossen.

Die Stadt dagegen scheint wild entschlossen, ein derartiges Geschehen zu unterbinden. Das ist in etwa die Konstellation, die in den 1990er Jahren in Hannover mehrfach zu den so genannten »Chaostagen« führte - wenn auch diesmal vielleicht in einer kleineren Dimension.

Es geht dabei um »Force Attack«, ein Punk-Festival mit viel Tradition - und neuerdings einigen Problemen. Seit den späten 1990er Jahren steigt die »größte Punkerparty der Welt« in Mecklenburg-Vorpommern, zunächst fand das Festival bei Barth statt, dann in Behnkenhagen und die letzten Jahre in Klingendorf bei Rostock.

Doch dieses Jahr fehlt dem Festival, das durch die verregnete Vorjahresausgabe offenbar auch in finanzielle Schwierigkeiten geraten ist, noch der Veranstaltungsort. Erst hieß es plötzlich, das Festival werde nach Berlin verlegt, jetzt soll eine »private Soli-Party« für das Festival auf einem Grundstück in Stavenhagen stattfinden. Die Stadt ist davon nicht begeistert. Ganz offensichtlich, so ein Schreiben des Bürgermeisters Horst Mahnke an Veranstalter Imre Sonnenvend, handle es sich keineswegs um eine Privatparty, sondern um das Festival selbst - schließlich werde im Internet geworben und es seien Karten verkauft worden. Demgemäß pocht die Stadt vor allem auf ein Sicherheitskonzept, das laut Rathaus bis vergangenen Dienstag, 15 Uhr, hätte vorliegen sollen. Eingegangen sei jedoch nichts dergleichen, weswegen die Stadt nun eine »Untersagungsverfügung« ausgefertigt hat: Die Veranstaltung auf dem Gelände des ehemaligen Tankhauses ist erstens untersagt, was zweitens mit einem Ordnungsgeld von 10 000 Euro gegen den Veranstalter bewehrt wird, drittens im Internet bekannt gemacht werden muss - und viertens »ggf. auch zwangsweise« von der örtlichen Ordnungsbehörde oder der Polizei durchgesetzt werde.

Doch scheint bislang auch die andere Seite wild zum Feiern entschlossen; im Internet wird weiterhin aufgerufen: »Bucht eure Zugtickets um, kommt zahlreich und zeigt Solidarität! Verbreitet die Nachricht!« Es solle sich niemand von »Gerüchten« über ein Ausfallen des Festes beeindrucken lassen, so die Veranstalter der »Soli-Party«. Es werde »dieses Jahr alles etwas improvisierter, dafür 100 Prozent Punkrock«. Bereits am Donnerstagabend schienen die Ausrichter die ersten Gäste in Stavenhagen zu erwarten.

Werbung in eigener Sache

Artikel weiterempfehlen und ausdrucken