Von Cornelia Höhling
28.07.2012

Nächtliche Einfälle notierte er an der Wand

Hiddensee, Erkner und polnisches Riesengebirge - Lieblingsplätze von Gerhart Hauptmann, der vor 150 Jahren geboren wurde

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Für ihn war sie »die schönste deutsche Insel« und zudem das »geistigste aller deutschen Seebäder«. 61 Jahre lang hielt Gerhart Hauptmann (1862-1946) Hiddensee die Treue.

Auf unserer Radtour zum »Leuchtfeuer Dornbusch« im Norden der Insel machen wir Halt beim »Dichterkönig«. Wenngleich der spätere Literaturnobelpreisträger keineswegs wollte, dass das kleine Eiland an Rügens Westflanke »ein Weltbad werde«, konnte er sein 1885 entdecktes Sommerrefugium nicht geheim halten. Er zog zahlreiche Künstler und Literaten an, lockte sogar die Manns dorthin. Um 1900 wurde Hiddensee »die« Künstlerinsel. 1930 kaufte Hauptmann bei der Ortschaft Kloster das auf einem Hügel gelegene »Haus Seedorn« mit weitem Blick über Bodden und Meer. Bald schon hieß es im Volksmund: »Der Sommer auf Hiddensee beginnt, wenn die Weinlieferung für Hauptmann kommt, und er ist zu Ende, wenn sein Weinkeller leer ist.« Da lagerten gut 400 Flaschen, weiß Franziska Plötz. Als Leiterin des Hauptmann-Hauses lebt sie seit sieben Jahren sozusagen unter seinem Dach.

Auf dem nahen Inselfriedhof im Schatten alter Bäume fand Hauptmann, wie er es sich gewünscht hatte, am 28. Juli 1946 seine letzte Ruhe. Ruhe? Seit 1956 wurde sein Sommerhaus, das - weitgehend im Originalzustand erhalten - als Museum für die Öffentlichkeit zugänglich ist, eine regelrechte Pilgerstätte. In den 60ern gab es Jahre mit 70 000 Gästen, sagt Plötz. Die neue Generation habe allerdings Erklärungsbedarf: Wer war dieser Hauptmann überhaupt? Warum soll man ihn noch lesen? Deshalb wurde anlässlich seines 150. Geburtstages neben dem Haus ein Literaturpavillon mit Dauerausstellung errichtet. Das ermögliche den Sprung von der Gedenkstätte zum Literaturmuseum, zeigt sich Plötz zufrieden.

Trotz der vielen Gäste ist Hiddensee als autofreie Insel, die mit weniger als 20 Kilometern Nord-Süd-Ausdehnung in einem Tagesmarsch zu bewältigen ist, durchaus ein Ort der Ruhe. Kein Motorengeheul. Nur das Rauschen der Ostsee mischt sich mit dem Gekreisch der Möwen und dem Gesang der »Mondscheinlerche«, über die Hauptmann einst dichtete.

Neben Pferdekutschen ist das Fahrrad hauptsächliches Fortbewegungsmittel durch die schöne Natur. Es gebe rund 1000 Insulaner und genauso viele Fahrräder im Verleih, erklärt Alfred Lange᠆meyer. Dabei lägen E-Bikes generationsübergreifend im Trend. Wo man auf Hiddensee auch hinfahre, der Wind komme immer von vorn, beschwert sich der gebürtige Westfale lachend und verkündet stolz, die Ladestationen seien gebührenfrei. Er ist seit 15 Jahren Kurdirektor der Insel, deren Form sich stetig ändere, wie er fasziniert feststellt. »Früher sah sie aus wie eine Glühbirne, heute gleicht sie einem Seepferdchen«. Touristisches Ziel für 2013 sei es, »familienfreundlichste Insel Deutschlands« zu werden.

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Wichtiger als Ruhe ist den meisten Urlaubern heute der Ortswechsel, und für diesen sorgte Hauptmann vor allem in seinen späteren Lebensjahren häufig. Es waren immer landschaftlich reizvolle Gegenden, in denen sich der erfolgreiche Dramatiker niederließ und Inspiration suchte. Zu seiner Lebensaufgabe, dem Schreiben, fand er in der waldreichen märkischen Landschaft vor den Toren Berlins. Die Villa »Lassen« in Erkner, in der er nach der Heirat mit der vermögenden Marie Thienemann ab 1885 wohnte, zieht heute als Literarische Begegnungsstätte viele Besucher an. Wer will, kann auf dem etwa fünf Kilometer langen Literaturpfad durch Erkner acht Schauplätze aus dem Werk des Dichters erkunden.

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Die Spurensuche führt weiter nach Niederschlesien, wo Hauptmann vor 150 Jahren in Ober-Salzbrunn, dem heutigen Kurort Szczawno Zdrój, geboren wurde und 1946 in Agnetendorf starb. Als wir in Kotlina Jeleniogórska (Hirschberger Tal) und im benachbarten Riesengebirge unterwegs sind, verstehen wir sofort, warum sich Gerhart und sein Bruder Carl an der reizvollen Berglandschaft mit malerischen Wasserfällen begeisterten. Während sich die preußische Königsfamilie, Grafen und betuchte Beamte hier Schlösser bauten, die heute als Hotel oder Wellnessoase Gäste beherbergen, kauften sich die Brüder 1890 in Schreiberhau, heute Szklarska Poreba, ein Bauernhaus. Dass es mit seinem Park schnell zum Anziehungspunkt für Künstler und Intellektuelle wurde, lag sicher nicht nur an Hauptmanns Prominenz. Das gesunde Klima und der landschaftliche Reiz macht die Gegend mit ihrem gut ausgebauten Wanderwegenetz bis heute zu einem der beliebtesten Urlaubsgebiete und Wintersportzentren im polnischen Nachbarland. Ob »Rübezahl« oder »Die »Weber« (1892), die Themen fanden die Schriftstellerbrüder vor der Haustür, ist beim Rundgang durch die einstigen Wohn- und Arbeitsräume zu erfahren. Denn seit Carls Tod im Jahr 1921 ist ihr einstiges Refugium ein Museum. Bis heute prägt die Textilindustrie das Gebiet. In Chełmsko Śląskie (Schömberg) lässt sich sogar noch ein Ensemble alter hölzerner Weberhäuser aus dem 18. Jahrhundert, die »Zwölf Apostel«, samt Webermuseum besichtigen. Die Leinenweberei brachte auch der 1108 gegründeten und sehenswerten Stadt Jelenia Góra (Hirschberg) ihren Wohlstand.

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Nur 20 Autominuten ist es von Szklarska Poręba bis zu Gerhart Hauptmanns »Haus Wiesenstein« im nahe gelegenen Jagniątków (Agnetendorf), das er ab 1901 mit seiner zweiten Frau Margarete bewohnte. Größer könnte der Kontrast nicht sein. Der Blick reicht bis zum Kamm des Riesengebirges. Mit dem dicken Turm ähnelt die auf einem Granitfelsen stehende und von einer Parkanlage umgebene großbürgerliche Jugendstilvilla einer Burg. »Allein zum Heizen wurden im Winter 60 Tonnen Koks gebraucht«, erzählt Tomasz Cell, als er uns durch das Haus führt. Hauptmanns Hauptwohnsitz, der nach seinem Tod vorübergehend als Kindererholungsstätte genutzt wurde, ist seit 2001 Museum, Kulturzentrum und Touristenmagnet. Tomasz macht auf Bleistiftkritzeleien über Hauptmanns Bett aufmerksam. »Nächtliche Einfälle notierte er gleich an der Wand.« Sehenswert sind auch die Szenen aus seinem Leben und Werk, die die berühmte Paradieshalle schmücken. Nun wissen wir: »Hauptmann inszenierte sich gern als Nachfolger Goethes«. Deshalb verbrachte der ewig Reisende wohl auch die Winter im italienischen Rapallo.

Informationen

Insel Information Hiddensee GmbH, Norderende 162, 18565 Vitte, Tel.: (038300) 642-0, Fax: -25, E-Mail: info@seebad-hiddensee.de, www.seebad-hiddensee.de,

Gerhart-Hauptmann-Haus Kloster, Hiddensee, Tel.: (038300) 397, Fax: -60565, www.hauptmannhaus.de

Gerhart-Hauptmann-Museum Erkner, Tel.: (03362) 3663, Fax: -7000141, E-Mail: info@hauptmannmuseum.de, www.hauptmannmuseum.de

Polnisches Fremdenverkehrsamt, 10709 Berlin, Kurfürstendamm 71, Tel.: (030) 210092-0, Fax: -14, E-Mail: info.de@polen.travel, www.polen.travel

Hauptmannhaus in Szklarska Poręba (Schreiberhau): www.domhauptmannow.pl,

Hauptmann-Haus in Jagniątków (Agnetendorf): www.muzeum-dgh.pl

Literatur: »Gerhart Hauptmann auf Hiddensee«, Edition A B Fischer, ISBN 978-3-937434-39-1, Preis: 7,80 €

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