Von Jürgen Amendt
31.07.2012

Blindheit des Kollektivs

Euro-Krise und Sprache

Pleite-Griechen«, »Feier-Griechen« - in der Debatte um die Krise der europäischen Gemeinschaftswährung und den wirtschaftlichen Niedergang Griechenlands dominieren die negativen Sprachbilder. Die Phrasen würden den Menschen »gezielt in die Köpfe gestanzt«, kritisierte jüngst der Sprachwissenschaftler Hans Bickes in einem Interview mit der Nachrichtenagentur »pressetext«. Differenzierte Berichte zur Krise in Griechenland habe es in Deutschland selten gegeben und wenn, dann »meist in kleineren, eher linksorientierten Zeitungen«.

Jede politische Debatte hat einen gewissen Vorrat von sogenannten Kollektivsymbolen, mit deren Hilfe die Wirklichkeit und Komplexität von Gesellschaft bildhaft auf einfache Botschaften reduziert werden kann. Die gemeinsame Verständigung wird dadurch erleichtert, doch gibt es auch Nebenwirkungen: In der Asyldebatte vor 20 Jahren zum Beispiel assoziierte bereits die Verwendung des Begriffes »Asylant« die gemeinte negative Bedeutung (ähnlich wie »Spekulant«, »Denunziant« etc.).

Solcherart Kollektivsymbole vergiften das politische Klima. Tappen Medien in diese Falle, bleiben sie in einer Art Feedbackschleife in ihr gefangen. Jüngstes Beispiel: Mitte letzter Woche berichtete die Nachrichtenagentur dpa über ein Gutachten von 17 Wirtschaftswissenschaftlern zur Euro-Krise. Die Position der Ökonomen fasste dpa so zusammen: »Eine langfristige Transferunion lehnen sie dagegen ebenso ab wie Eurobonds.«

Wie das medienkritische Weblog »BILDblog« gestern berichtete, (www.bildblog.de) ist das aber eine Verfälschung der tatsächlichen Äußerungen. Die beteiligten Wissenschaftler - unter ihnen der deutsche Wirtschaftsweise Peter Bofinger, der als Befürworter von Staatsanleihen gilt, mit denen die Euro-Länder gemeinsam auf dem Finanzmarkt Kredite aufnehmen und dafür haften würden, was die Zinsbelastung der Krisenstaaten senken soll (Eurobonds) - hatten keine eindeutige Ablehnung formuliert; sie hatten lediglich geschrieben, dass Transferunion und Eurobonds »nicht notwendig« für das Funktionieren des Euro seien. Eine übliche diplomatische Floskel unter Wissenschaftlern, wenn sie Antworten zu strittigen Detailfragen im Ungefähren lassen müssen.

Eine Reihe von Zeitungen hat in der letzten Woche die Missinterpretation von dpa übernommen. Gegenüber »BILDblog« verteidigte die Nachrichtenchefin der Agentur die Darstellung der Wissenschaftler-Aussage weiterhin als »durchaus angemessen«. In Internet-Portalen wie »Zeit-Online« oder »stern.de« findet sich die dpa-Meldung nach wie vor.

Auswege aus der Feedbackschleife medialer Wirklichkeitsverzerrungen sind selten. Und wenn, dann nur noch als Hintergrundrauschen, kaum vernehmbar. Vor gut einem Jahr schon ging eine Meldung im Schwarm der Kollektivsymbole unter. Eine EU-Behörde hatte ausgerechnet, wie viel bezahlter Urlaub lohnabhängig Beschäftigten in den EU-Ländern zusteht. An der Spitze rangiert mit Abstand - Deutschland (40 Tage, einschließlich Feiertage), weit vor den »Feier-Griechen« (23 freie Tage pro Jahr). Der Schwarm des medialen Kollektivs - er schlägt mit Blindheit.

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