Von Carmela Negrete
01.08.2012

Von der Krise in die Krise

Spanier im deutschen Niedriglohnsektor

Sie sind jung, motiviert, bestens ausgebildet und Migranten. Junge spanische Akademiker suchen einen Weg aus der Krise in ihrem Land. Vielen wandern nach Deutschland aus und landen in Situationen, die sie nie erwartet hätten.
Zimmer
In diesem Zimmer sollten Ana und Lucia wohnen.

Seit drei Wochen arbeitet Aurora Martín (26) in Berlin. In einem Job, der sie frustriert. Für ein Gehalt, das kaum zum Leben reicht. Aurora musste ihr Land verlassen, um arbeiten zu können. Ihre Familie und Freunde ließ sie zurück, um nach Deutschland zu kommen. Aurorass Geschichte ist eine von tausenden junger spanischer Wirtschaftsmigranten. Von Januar bis Juni verließen 44% mehr Spanier als im Vorjahr das Land. Schon jeder zehnte Spanier, so meldet das Spanische Statistikamt (CNE), dachte im vergangenen Jahr darüber nach auszuwandern. Drei Jahre hat Aurora in Spanien studiert, um Krankenschwester zu werden. „In Spanien haben wir Krankenschwestern eine längere und ausführliche Ausbildung, deswegen schätzen uns unsere deutschen Kollegen so sehr", sagt sie. Nützlich sei Aurora diese Ausbildung allerdings nicht in dem Altenheim, in dem sie arbeitet. „Zum Beispiel fragen sie uns, ob wir den Blutdruck messen können. In der Uni lernen wir das im ersten Jahr." Zehntausende Euro steckte der spanische Staat in Auroras Ausbildung. Mehrere Stipendien bekam sie während ihres Studiums. „Und jetzt müssen wir migrieren. Nicht nur für mich sondern für die ganze spanische Gesellschaft ist das ein großer Verlust."

Spanien verliert seine Jugend

Keine andere gesellschaftliche Gruppe verlässt Spanien derzeit so zahlreich wie die gut ausgebildete Jugend des Landes. Der Präsident des Spanischen Instituts für Ingenieure Manuel Moreau versicherte der Tageszeitung El País: „Wir rechnen mit einer Auswanderung von ungefähr 10.000 Ingenieuren in den nächsten fünf Jahren. Und dies, obwohl die Arbeitslosigkeit in diese Gruppe nur 8% beträgt". Gründe dafür sind niedrige Löhnen, bessere Angebote aus dem Ausland und das überhitzte soziale Klimas Spaniens. Während Aurora ihren Freund in Spanien zurücklassen musste, hat María Vázquez (26) und Luis González (24) aus Madrid die Migration zusammen geführt. In Berlin leben sie zusammen in einer kleinen Neuköllner Wohnung. In Spanien wohnten sie bei ihren Eltern, so wie jeder siebte Spanier unter 30 Jahren. Die Höhe der Mieten und die niedrigen Löhne machen ihnen die Eigenständigkeit unmöglich. Jeder zweite Jugendliche ist arbeitslos. Die einzige staatliche Förderung, ein Mietzuschuss von ca. 200 Euro, wurde vor zwei Wochen drastisch gesenkt. Andere Sozialleistungen gibt es nicht. Für Arbeitslose unter 45 Jahren ohne Anspruch auf Arbeitslosengeld gibt es in Spanien so gut wie nichts. Auch Ana Ruiz Laguna (23) aus Ciudad Real musste nach ihrem Studium und zweijähriger Arbeit wieder zurück zu ihren Eltern ziehen. Nun arbeitet auch sie als Krankenpflegerin in Berlin.

dubiöse Firmen werben um die am besten Qualifizierten

Ana, Laura, María und Luis waren zuvor nie in Deutschland gewesen, sprachen kein Deutsch. Deutsche Regierung und Wirtschaft bemühen sich immer stärker, junge ausländische Fachkräfte anzuwerben. Ein Sprecher der Deutschen Handelskammer sagte vor kurzem auf einer Madrider Jobmesse: „In Deutschland brauchen wir auch wenig qualifizierte Arbeiter. Es gibt Arbeitsangebote, um alte Menschen zu pflegen sowie in den Berufen Bau und Spedition". Und auch die Kanzlerin besuchte letztes Jahr Spanien und sprach von deutschen Beschäftigungswunder. Fachkräfte würden gebraucht und sie freue sich, „wenn dies Spanier wären". „Man muss aufpassen. Es gibt gerade sehr viele komische Firmen, die Spanier zu miesen Konditionen anwerben", sagt María. Sie weiß worüber sie redet. María und Luis arbeiteten in einer Zeitarbeitsfirma in der kleinen Stadt Geldern bei Duisburg. Obwohl sie die Anzeige an einer Info-Tafel des offiziellen Berufverbandes der Krankenschwestern in Madrid gelesen hatten, stellte sich die Firma am Ende als betrügerisch heraus. 12€ pro Stunde wollte die Firma zahlen. Nur 25€ pro Monat sollte sie für die Vermittlung bekommen. Die Überraschung erwartete Luis und María in Deutschland: Der spanische Vertrag entsprach nicht der deutschen Kopie. Statt einem Jahr, sollten sie nun nur sechs Monate beschäftigt werden und außerdem erst einmal Deutsch lernen. Am fünften Tag wurde María gefragt, ob sie schon selbständig arbeiten könnte. „Natürlich nicht! Ohne ein Wort Deutsch zu sprechen, würde ich die Gesundheit der Patienten gefährden", antwortete sie. Ihr Freund hatte schon in Spanien etwas Deutsch gelernt und fing hingegen gleich mit der Arbeit an. Die Zeitarbeitsfirma besorgte ihnen eine Wohnung. Was sie nicht erfuhren war, dass die Vorarbeiterin einen Zweitschlüssel bekam und in den nächsten Wochen immer wieder unangemeldet zu Besuch kommen sollte. „Ich kochte als ich plötzlich hörte, wie sich die Tür meiner Wohnung öffnete." María hat einen Prozess gegen die Zeitarbeitsfirma begonnen: „Das kostet mich jetzt viel Geld, aber man darf sich nicht von solchen Firmen betrügen lassen".

Vom Akademiker zum Verpacker im Schlachthof

Lucia und Ana landeten in der Kleinstadt Gelden bei Duisburg. Ihr Reise bezahlten sie wie Luis und María selbst. In Spanien versprach ihnen die Firma einen Nettolohn in Höhe von 1.200 Euro. In Deutschland wurde daraus ein Praktikumsvertrag über 500 Euro. Sie lehnten das Angebot ab. Der Chef der Vermittlungsfirma schlug den Beiden in zwei Monaten eine Stelle in einem Krankenhaus antreten zu können. Von welchem Geld sie die zwei Monate leben sollte, sagte er ihnen nicht. Ein Freund des Chefs bot den beiden Akademikern daraufhin einen Job als Verpacker in einem Schlachthof. 60 Stunden die Wochen inklusive Wochende sollten sie arbeiten. Schlafen sollten sie in einer winzigen Wohnung mit vier bis fünf Betten pro Zimmer. „Wir hatten Angst, in die Fänge einer kriminellen Bande zu geraten und flogen wieder nach Spanien." Zwei Monate später kamen sie zurück mit einem 6-Monats-Vertrag als Junior-Pflegekräfte, obwohl sie Spanien schon als Fachkräfte gearbeitet hatten. 9 Euro brutto bekommen sie nun in der Stunde. 12 Tage am Stück arbeitetn sie, ohne Nacht- oder Wochenendzuschläge. Nach sechs Monaten, sollen sie dann einen Vertrag als Pflegekraft bekommen. Sicher, dass es dazu auch kommt, sind sie sich nach ihren Erfahrungen nicht mehr. Sie alle wissen nicht, wie lang sie hier in Berlin bleiben. Aurora will sparen, um ihren Master in Spanien machen zu können, einen Job zu finden und mit ihrem Freund wieder zusammen leben zu können. Ana ist da skeptisch. Sie hat auch auf Master studiert und trotzdem keine Arbeit gefunden.

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