Von Gabi Kotlenko
01.08.2012

Seit 100 Jahren mit dem Bähnli zur Jungfrau

Höchste Eisenbahnstation Europas liegt direkt im ewigen Eis

Am 1. August 1912 feierte die Schweiz nicht nur ihren Nationalfeiertag, sie bejubelte auch ein technisches Wunder in alpiner Eiswelt. Der erste Zug der Jungfraubahn fährt im höchstgelegenen Bahnhof Europas auf den Jungfraujoch ein - 3454 Meter über dem Meeresspiegel liegt das »Top of Europe«.
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Nach kurzem Stopp an der Station Eigernordwand geht es weiter zum Top of Europe.

Adolf Guyer-Zeller, schon damals ein bekannter Eisenbahnpionier, wanderte im August 1893 mit seiner Tochter durch das Jungfraugebiet. Bei einer Rast soll er gerufen haben: »Ich hab's!« Er eilte zurück zu seinem Hotel, und noch in selbiger Nacht entstanden die ersten Entwürfe für seine »Himmelsbahn«. Das Parlament der Schweiz gab seinem Gesuch für den Bau statt. Allerdings wohl weniger wegen seiner blumigen Beschreibung der Landschaft, sondern wegen des Angebotes, 100 000 Franken aus eigener Tasche für die Einrichtung einer Wetterstation auf dem Jungfraujoch beizusteuern.

1896 wurde der erste Spatenstich für die spektakuläre Eisenbahnstrecke getan. Mit einfachsten Mitteln und viel Handarbeit kletterten die Gleise zunächst dem Eigergletscher entgegen. 1898, nach nur zwei Jahren Bauzeit, wurde das erste Teilstück freigegeben. Aber erst im Jahr 1912, nach 16 harten Baujahren, - geplant waren sieben - war das Jungfraujoch erreicht. Adolf Guyer-Zeller allerdings erlebte die Erfüllung seines Traumes nicht mehr mit. Er starb bereits 1899 im Alter von 60 Jahren an den Folgen einer Lungenentzündung.

Die Bedingungen für die Arbeiter waren kein Ruhmesblatt für die Bauherren. Viele kamen aus Italien, getrieben von der Not zu Hause. Anfangs noch ohne jede maschinelle Unterstützung trieben sie den Tunnel mit Hammer und Steinmeißel voran. Anfangs lebten sie bei bitterer Kälte in einfachen Zelten, später in Baracken. Etwa 30 Arbeiter überlebten die Tortur nicht. Die meisten starben bei Sprengunfällen.

Das Bähnli fährt so hoch wie kein zweites in Europa. Start ist in Interlaken im Berner Oberland. Via Lauterbrunnen (außerdem gibt es die Alternative über Grindelwald) schleicht und schnauft es den Berg hinauf - dem Jungfraujoch entgegen. Dort entsteigt man im ewigen Eis. Andreas Wys ist einer, der mehrmals täglich die bunte Fuhre aus aller Welt nach oben bringt. Schweizer sind hier in der Minderheit. Andreas Wys strahlt, als hätte er soeben die am Weg liegende Eigernordwand erklommen. »Nein, es wird nie langweilig, immer dieselbe Strecke zu fahren.« Der gelernte Metallschlosser landete zufällig bei der Bahn, als er für seine Abschlussarbeit ein Bahnthema wählte. Und fand die (Berufs)liebe fürs Leben.

Auf den fast zehn Kilometern von der Kleinen Scheidegg am Fuß des Eigers überwindet das Bähnli in 52 Minuten einen Höhenunterschied von 1393 Meter. Die nächste Station heißt Eigergletscher. Dann kriecht der Zug in den Tunnel. Der größte Teil der Strecke führt durch das Innere des Bergmassivs von Eiger und Mönch nach oben. Nur zweimal - an den Stationen Eigernordwand und Eismeer - gibt es einen kurzen Halt für einen Blick aus extra dafür in den Stein gehauenen Fenstern.

Einst kamen vor allem die Japaner in Scharen, um mit der Bahn in das ewige Eis zu fahren. Heute laufen ihnen die Inder den Rang ab. Tief im Berg singen sie aus voller Kehle Volkslieder, als wollten sie die Kälte vertreiben. Gegen den oben oft herrschenden Nebel haben sie keine Chance. Das Jungfraujoch ist eine wandelbare Bühne. Wo gerade der Aletschgletscher zu sehen war, hat sich in Minutenschnelle dicke Suppe ausgebreitet. Die alpine Dreifaltigkeit von Eiger, Mönch und Jungfrau ist nur zu erahnen. Doch die indischen Kinder, die vielleicht noch niemals Schnee gesehen haben, stört es wenig. Sie machen eine Schneeballschlacht.

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