02.08.2012
Literatur

Ein Künstler im Flug

Joachim John: »Kuckuck«

Da sitzt er, nach vorn gebeugt, auf brüchiger Stange, halb Mensch, ohne Hände, nur mit Stümpfen, hohl die Augen, halb Vogel mit Schwanz, Füßen und Krallen. Ein Wesen, alt, fast tot, doch genau schauend auf dem Sprung. So hebt »Kuckuck« an. Zeichnerisch. Flugbereit.

Wie sehr die Lektüre Vergnügen bereitet, wer das Buch liest, erfährt es. Der Autor überantwortet der mutigen Seele eines Vogels, die Suche nach der Schönheit aufzunehmen, denn Schönheit ist gleich Wahrheit. Und also sucht Kuckuck, eins mit Bube John, dessen Leben vor dem des Kuckkuck liegt, in gleicher Weise nach der Wahrheit. Mal hockend, horchend unterm Schutz des Gefieders, mal schwebend, wer weiß wohin, überwältigt der Vogel jedwede Begrenzung der Fantasie. Ach, neckischer, freisinniger Kuckuck, welch übermütige Spiele treibst du mit mir, dürfte sein Schöpfer öfters gefragt haben, nachdenkend im heimischen Atelier im Prenzlauer Berg unter der Milchglasscheibe, worin durch Kuckucks Brille sich die kuriosesten Spiegelungen vollziehen, wo die Glatzen der Ober- und Unterstatthalter und deren Federvieh auf dem Kopf stehen.

Kuckuck hat den Ruf, sich alles ausdenken, Jedwedes in Beziehungen setzen zu können, sofern es wert ist, mitgeteilt zu werden. Seine Vorstellungswelt ist so verquer wie klar umrissen. Sein Gedankentum zerstört nicht, es erschafft, ist schöpferisch. Kuckuck zeigt unglaubliche Leidenschaft für Worte und legt Wert auf ihre genaue Kenntnis. Die Hauptsache: Der neugierige Vogel, in die entlegensten Gefilde dringt er vor, glaubt an Kunst, an Dichtung, welche so viele Künstler, Dichter verleugnen. - Derlei fällt einem ein, hat man das Buch gelesen und eben weggelegt. Es beschäftigt noch danach, lange, es lässt einen nicht los.

Unschwer herauszufinden: Der Zeichner Joachim John ist der Kuckuck und schallt aus dem Walde so sehr wie über Kontinente hinweg. Durch Lüfte wirbelnde Schnipseltechniken kehren Geschichte und Geschichten hervor. Figurenkonstellationen frappieren, überraschen, weil sie ganz unglaubwürdig scheinen. Als wäre Kuckuck selbst in den 30er Jahren in Kanada gewesen und hätte irgendwo in Spanien als Kämpfer während des Bürgerkrieges El Greco-Gemälde gesehen, entpuppt sich der Vorgang als Begebnis, das Ludwig Renn erzählt hat, während er dem jungen Zeichner John Modell saß.

Kuckucks Verweilmanöver, seine so leichtfertigen wie zielbewussten Entführungs- und Flugkünste schaffen Gedanken-Montagen, Bild-Montagen. Als Fidel Castro einmal Dresden besucht und die »Sixtina« anschaut, macht der gewitzte Vogel den Comandante bekannt mit dem unverdrossenen Künstler Lothar, der sägt, schnitzt, schleift, schmirgelt, dicke Weiber malt und für den hohen Gast ein Schachspiel aus Porzellan geschaffen hat.

Siebzehn Teile hat das Buch des Kuckuck. In keinem fehlt der Gedanke an Kunst, an Geschichten um verbogenes, stinknormales, hehres, elendes, verqueres, verkommenes, edles, absonderliches, krauses Künstlerdasein unter den Bedingungen der Deutschen Demokratischen Republik, sei es nur eine winzige Spur.

Kunst ist der Kitt, das vereinende Band, die große Metapher des Ganzen. Kuckuck ist Künstler, der kann fliegen. Der fliegt zu Martha Engel in die Wohnstube, um sich ungeheuerliche Geschichten aus der Wüstenei des deutschen Faschismus erzählen zu lassen, der fliegt nach Kolumbien (Bogota), um dort über mehrere Kapitel hinweg seine Schwingen auszubreiten, - seine Hauptarbeit in dem Buch - und das Elend und den Terror im Land und die Wunderbarkeiten der Landschaft Südamerikas in rhythmischen Schüben auszubreiten. Und er vergisst nicht, zuvor den Leser ins rauchige deutsche Milieu eines resignierten proletarischen Künstlers zu führen, dessen giftige, schmuckstarre Alte alles, was Mensch und Welt heißt, verachtet.

Eine »kulturfunktionöse Elly« fliegt Kuckuck genauso an wie hart gesottene ehemalige Gulag-Insassen und bisweilen doppelt gestrafte alte Antifaschisten, die »stets den jungen Künstlern wohlwollen und diese gegen Sicherheitshysteriker, Karrieresozialisten und Politschleimer in Schutz nehmen.«

Ein wundervolles Buch, so schön, so lustig, so hinterhältig, so poetisch, so phantasmagorisch, so flugmutig, so sprachgewandt, so kratzbürstig wie schon der »Bube John« desselben Autors.

Joachim John: Kuckuck.
Mit Grafiken des Autors. Edition Cornelius im Projekte Verlag Halle. 119 S., geb., 29,50 €.