Von Lucía Tirado
02.08.2012

Das Geräusch der Wohnmaschine

Ein Kunstprojekt zur Architektur in Berlin und Marseille bietet Führungen mit musikalischer Begleitung

Architektur der Moderne regte Künstler für Berlin und Marseille zum Projekt »Das Wort haben die Benützer/La Parole est aux Usagers« an. Objekte ihrer Begierde sind jeweils eines in beiden Städten vom Schweizers Charles Edouard Jeanneret, der sich als Architekt Le Corbusier nannte, konzipierte riesige Wohnhäuser. Vier entstanden davon in Frankreich. Das Berliner, der einzige »Ausländer«, ist mit 157 Metern das längste dieser Bauten.

Entworfen für die Internationale Bauausstellung wurde das Berliner Corbusierhaus von 1956 bis 1958 in Westend - heute Flatowallee 16 - erbaut. Seine Ausmaße ließen die Idee bersten, es wie anderes für die Bauausstellung im Hansaviertel zu errichten. Die 17 Etagen beherbergen mehr als 550 über zehn »Straßen« erreichbare Wohnungen. Unité d'Habitation, type Berlin, kurz Wohneinheit, Wohnmaschine, wurde das Objekt genannt. Es heißt, darin leben fast 1500 Menschen.

Einige das deutsche Baurecht befriedigende, sich dadurch vom Pendant Cité radieuse in Marseille unterscheidende und den Architekten verärgernde Kompromisse gehören in Berlin zur Baugeschichte. Hier und jetzt aber geht es um Gegenwart und Zukunft, denn das beginnende Kunstprojekt erstreckt sich über Aktionen in der französischen Variante im Rahmen von »Marseille-Provence 2013 - Kulturhauptstadt Europa« bis hin zu einem für 2014 geplanten Buch, in dem die Eigenheiten beider Häuser gegenübergestellt werden.

Die für Corbusier beim Bau typischen Module sollen beim Kunstprojekt, das viele deutsche und französische Förderer fand, auf andere Weise eine Rolle spielen. Denn der amerikanische Komponist Bill Dietz vom Ensemble Zwischentöne und die Berliner Bühnenbildnerin und Regisseurin Janina Janke von der Oper Dynamo West erkunden die riesigen Wohnmaschinen in Berlin und Marseille. Sie sammeln Geschichten, Biografien, Bild- und Tonmaterial, Interviews mit den Bewohnern und deren ihre Lieblingsmusik. Die Geräusche in den Häusern und drum herum werden ähnlich dem Modulsystem von Le Corbusiers kompositorisch bearbeitet. Eine von allem Geräusch geprägte neue Komposition fügt sich daraus zusammen. Für die Produktion des Projekts vereinten sich die beiden Künstler mit der Gruppe »ehrliche Arbeit - Freies Kulturbüro«.

An drei Wochenenden können Besucher bei Führungen durchs als Baudenkmal geschützte Haus die so entstandenen Klanginstallationen durchwandern. Videoinstallationen zeigen die Wohnmaschinen in Berlin und Marseille in ihrem urbanen Umfeld und sollen topographische und historische Zusammenhänge der Gebäude in Berlin und Marseille verdeutlichen. Eine Gemeinsamkeit liegt beispielsweise darin, dass beide ein Modell gegen die Wohnungsnot nach dem Zweiten Weltkrieg waren.

Die Rundgänge der kleinen Gruppen werden durch Konzerte des Ensembles Zwischentöne begleitet. Es kommt zu Begegnungen zwischen »Wohnmaschinenbenützern« aus Marseille und Berlin. Studierende des Studiengangs Kulturarbeit der Fachhochschule Potsdam erläutern einführend das Projekt für Besucher. Außerdem gehört eine interdisziplinäre Diskussion im Deutschen Architekturzentrum (DAZ) am 22. 8. um 19 Uhr zum Programm, in der es um die Visionen des Architekten Le Corbusier, um Möglichkeiten des Umfunktionierens von Architektur und Intervention gehen wird.

Zu den halbstündlich startenden Führungen am 23.8., 19-21.30 Uhr, am 24.8., 17.-21.30 Uhr, am 25. und 26.8., 15 bis 19.30 Uhr, am 30. und 31.8., 17.-21.30 Uhr und am 1. und 2.9., 15 bis 19.30 Uhr, muss man sich anmelden. Die Führungen kosten 10, ermäßigt 7 Euro. Frei ist der Eintritt für die Einführungsveranstaltungen, zur Vernissage (23.8., 19 Uhr), zur Finissage (2.9., 19 Uhr) und ins DAZ in der Köpenicker Straße 48 in Kreuzberg, Corbusierhaus, Flatowallee 16, Charlottenburg, Karten-Tel. 40 98 31 95, www.die-benuetzer.eu

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