Von Kira Taszman
03.08.2012

Kunstblut, Sexbomben und Trockeneisnebel

Jess-Franco-Retrospektive im Kino Babylon-Mitte

Allein die Namen seiner Filme sprechen für sich: »Der Todeskuss des Dr. Fu Man Chu«, »Nachts, wenn Dracula erwacht«, »Eine Jungfrau in den Krallen von Zombies« oder »Die nackten Superhexen von Rio Amore«. Zwar prunkten diese (west-)deutschen Verleihtitel mit besonders fantasievoller Einfalt, aber die Inhalte der Filme von Regisseur Jess Franco waren von den so reißerischen wie komischen Filmtiteln durchaus abzuleiten. Der Filmemacher, 1930 in Madrid als Jesús Franco geboren, ist der spanische Meister der B-Filme, ein Kultregisseur mit fanatischer Anhängerschaft, ein Künstler der Exzesse, des Grellen und Lauten, ein Genrefilmer par excellence.

An fast 200 Filmen hat der heute 82-Jährige als Regisseur, Drehbuchautor, Komponist, Kameramann oder Schauspieler mitgewirkt, oft übernahm er mehrere Funktionen gleichzeitig. Nun widmet das Babylon Mitte dem Skandalfilmer eine Retrospektive von 40 Filmen, und der Meister persönlich wird als Gast erwartet.

Auszeichnungen und Retrospektiven in aller Welt wurden Franco vor allem in den letzten Jahren zuteil. Auch darf er sich eines Lobes seines illustren Kollegen Fritz Lang rühmen, der behauptete, Francos »Necronomicon« (1968) sei der einzige erotische Film gewesen, den er bis zum Ende durchgehalten habe. Doch kommerziellen Erfolg konnte Franco nur selten verbuchen. Seine Filme drehte er mit minimalen Budgets und das ist den billigen Kulissen, dem viel zu hellen, - dafür aber fleißig eingesetzten - Kunstblut und dem dürftigen Spiel seiner Schauspieler auch anzusehen.

Andererseits hatte Franco wohl auch nie den Anspruch, große Kunst zu machen. Wenn in seinem von Artur Brauner produzierten Film »Der Todesrächer von Soho« (1972) in einem Fantasie-London alle paar Filmminuten der Trockeneisnebel in engen Gassen empor steigt, darf man getrost lachen. Den Heiterkeitsfaktor dieses eher behäbigen Films mit erstaunlich wirrer Story mag noch die Präsenz von Horst Tappert als Krimiautor und Geheimagent zusätzlich erhöhen.

Oft drehte Franco mit denselben Schauspielern: Soledad Miranda, Lina Romay, Howard Vernon, Christopher Lee oder Klaus Kinski. Kinski etwa spielt in »Jack the Ripper« (1976) die Titelrolle mit einer Mischung aus Stoizismus und Wahn. Tagsüber ist er ein wohlgekleideter Arzt, nachts mordet er Dirnen, die er anschließend verstümmelt und im Fluss versenkt. Dennoch ist dem Film eine sorgfältige Bildkomposition, vor allem in dunklen Parks und Kirchen, nicht abzusprechen.

Andere Filme Francos sind dagegen purer Trash. Oft werden Frauen in seinen Filmen Opfer von - häufig auch sexueller - Gewalt. Dann kreischen die Heldinnen angst- aber auch lusterfüllt, während Zooms die schreckensverzerrten Mienen der schönen oder verhärmten Frauen genüsslich festhalten. Femmes fatales, Sexbomben oder Frauen hinter Gittern gehören zum Stamminventar Francos. In »Die Nacht der offenen Särge« (1972) lässt er wiederum eine Art Dr. Frankenstein mittels einer Art Dracula nach der Weltherrschaft streben. Doch dann überrascht der gelernte Musiker, dem nichts mehr zuwider ist, als Filmzensur, sein Publikum auch mit subtileren Tönen: So erklingt in seinen Werken auch regelmäßig fein vor sich hinplätschernder Jazz - und das in Filmen, die auf viel versprechende Titel wie »Sie tötete in Ekstase« (1971) oder »Vampyros Lesbos« (1971) hören.

»Jess Franco: Back to Berlin« (ab 18 Jahren), vom 3. bis 15. 8. im Babylon Mitte am Rosa-Luxemburg-Platz, 242 59 69 (ab 17 Uhr), www.babylonberlin.de

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