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06.08.2012

Was blieb von der Hoffnung auf Obama?

Der ehemalige »Black Panther« Jamal Joseph im »nd«-Interview

Jamal Joseph trat im Alter von 15 Jahren in New York in die »Black Panther Party« ein, war jahrelang inhaftiert und arbeitete im Untergrund. Er wurde Filmemacher, Theaterregisseur, Autor und Professor an der Columbia-Universität. Joseph, heute ein Endfünfziger, lebt in Harlem und veröffentlichte Anfang des Jahres seine Autobiografie »Panther Baby«. Zu seiner Sicht auf die Bilanz vierjähriger Präsidentschaft Barack Obamas befragte ihn Max Böhnel für »nd«.

nd: Fast vier Jahre später - was halten Sie von Barack Obamas Amtsführung?
Joseph: Wenn eine Lokomotive auf dem letzten Loch pfeift und dem Abgrund zufährt, ist es egal, wer der Lokführer ist. Dieses Bild benutze ich gerne, um das politische System der USA zu beschreiben. Obama hat den Fehler gemacht, vom Zentrum aus regieren zu wollen. Die einzige Hoffnung hätte darin bestanden, dass er zusammen mit der Graswurzelbewegung, die ihn wählen half, auch regiert hätte.

Hatten Sie als ehemaliger Black Panther Hoffnung auf ihn gesetzt?
Sein Wahlkampf 2007/08 hat mich deshalb ermutigt, weil seine Kandidatur mit so einer großen Graswurzelbewegung verknüpft war. Seine Kandidatur hat viele Menschen ermutigt zu wählen, die vorher niemals wählen gegangen wären. Dazu kam seine Bündnispolitik. In der Wahlnacht dachte ich, dieses Bündnis sei in der Lage, politische Reformen und gesellschaftliche Veränderungen zu bewirken. Es gibt ein berühmtes Beispiel: während Franklin D. Roosevelts Präsidentschaft. Einer der größten Gewerkschafter der USA-Geschichte, der Afroamerikaner Philipp A. Randolph, hatte Roosevelt sein Programm für Bürger- und Arbeiterrechte vorgelegt, und Roosevelt lobte es. Aber er sagte auch: Jetzt geht auf die Straße und sorgt dafür, dass ich euer Programm umsetze. Obama machte das Gegenteil davon. Er knipste die Bewegung geschickt aus.

Wann wurden Sie skeptisch?
Die Graswurzelbewegung und vor allem die lokalen Unterstützergrupen wurden ignoriert, ja - von oben geschlossen. Schon wenige Tage nach den Wahlen, als Obama anfing, Leute zu berufen, die für die Wirtschaftskrise verantwortlich sind wie Larry Summers, wurde ich skeptisch.

Wie ist die Stimmung heute in Harlem?
Man lässt die Hoffnung fahren und setzt die Erwartungsschwelle herunter. Von Wahlenthusiasmus ist nichts mehr spürbar. Denn niemand hat sich um die Kids gekümmert. Niemand hat sie angesprochen oder einbezogen. Traurigerweise ist nicht einmal heute das Versprechen auf Hoffnung und Veränderung zu hören.

Und die Jüngeren, die vor vier Jahren Teenager waren und heute möglicherweise Erstwähler sind?
Die Jüngeren, die vor vier Jahren nicht wählen durften, werden nur zögerlich mit dem Gefühl währen gehen: Was macht es schon aus, was ändert es denn? Sie mögen immer noch die Vorstellung von einem schwarzen Präsidenten, der wie sie aussieht. Aber was macht das schon aus? Die wirtschaftliche Rezession in Harlem ist ein Dauerzustand. Es war immer so: Wenn das weiße Amerika verschnupft war, hatte das schwarze Amerika längst eine Lungenentzündung.

Worin bestehen die Symptome?
Unsere jungen Menschen in Harlem leiden sogar an einer schweren Lungenentzündung. Während die offizielle Arbeitslosigkeit in den USA zwischen acht und neun Prozent liegt, ist sie in der schwarzen Gemeinde doppelt so hoch und beträgt bei jungen Schwarzen das Dreifache. Wenn man eine schwarze oder braune Hautfarbe hat, liegt die Wahrscheinlichkeit, eines Tages aufs College zu gehen, bei 1:8. Aber es gibt eine 1:3-Garantie dafür, dass man im Knast landet. In manchen Gemeinden innerhalb Harlems beträgt die Wahrscheinlichkeit 1:2. In dieser Hoffnungslosigkeit aufzuwachsen und in den Nachrichten jemanden zu sehen, der zwar wie du aussieht, aber etwas sagt, was nichts mit dir zu tun hat, ist wirklich nicht so inspirierend.

Die Politik reagiert mit mehr Polizei und schärferen Gefängnisstrafen. Gibt es keine Chance auf Alternativen?
Unnachgiebig gegenüber Kriminellen zu sein (»tough on crime«), wurde zum Wahlkampfschlagwort, mit dem sich Rechte und Linke zu übertrumpfen versuchen. Das reaktionärste Gesetz, das so entstand, machte mit Bewährungsstrafen Schluss, kürzte Bildungsprogramme und führte das »mandatory sentencing« ein: Die Richter berücksichtigen nicht mehr die familiären, finanziellen oder sozialen Hintergründe eines Angeklagten, sondern allein die Tat. Der Entwurf, 1984 verabschiedet, geht auf Senator Ted Kennedy zurück, der als »linker Löwe« bekannt wurde.

Welche Auswirkungen hat diese »tough-on-crime«-Politik?
»Tough on crime« drückt auch den tief sitzenden Rassismus in den USA aus. Denn das bedeutet, hart gegen alle Nichtweißen vorzugehen. Schwarz- und Braunhäutige sind ohnehin die proportional größte Gruppe aller Gefängnisinsassen. Systemischer Rassismus, vorenthaltene Bildungschancen, ökonomische Unterentwicklung, schlechte Wohnungen, Mangel an Krankenversicherung, kaum Gesundheitsversorgung - all das wirkt zusammen. Die Masseninhaftierung schwarzer und brauner Jugendlicher und die Auswirkungen auf ganze Gemeinden und Familien werden in unserer Gesellschaft und von der Politik ignoriert. Das war so und wird sich auch mit der nächsten Regierung nicht ändern.

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