Von Oliver Händler, London
07.08.2012

Der Schnellste mit der größten Klappe

Usain Bolt aus Jamaika sprintete erneut zu Olympiagold und sparte nicht mit großen Worten

Für viele Fans war Usain Bolt schon vor seinem zweiten Olympiasieg über 100 Meter längst eine Legende. Er selbst meint, er müsse dafür noch die 200 Meter gewinnen. An Selbstbewusstsein mangelt es dem Showtalent aber trotzdem nicht.

Wenn Usain Bolt auftaucht, holen sogar die gestandenen Sportjournalisten ihre Kameras heraus und schießen Erinnerungsfotos. Jeder Auftritt des Jamaikaners kann historisch sein, und da wollen alle beweisen können, dass sie dabei waren. Der alte und neue Olympiasieger über 100 Meter hat nicht nur wieder unter Beweis gestellt, dass er unbestritten der schnellste Mann auf diesem Planeten ist, er sorgte auch wieder für die besonderen Showelemente. Bolt weiß immer, in welche Fernsehkamera er zwinkern muss, mit welcher Geste er die Fans begeistern kann.

Nach seinem Sieg im Londoner Olympiastadion in 9,63 Sekunden bot er auch den Medienvertretern wieder einmal eine Show, auf die es sich gelohnt hatte, anderthalb Stunden zu warten. Seinem Landsmann, Weltmeister Yohan Blake, den er gerade um zwölf Hundertstelsekunden auf Rang zwei verwiesen hatte, rief er zu: »Yohan, du hast nach deinem Sieg bei den Trials doch gesagt, dass du mich auch hier in London schlägst. Ich sag es dir noch einmal: Es gibt keinen Weg an mir vorbei.«

Der Satz war nicht wirklich an Blake gerichtet - beide sind gute Freunde -, sondern an die Presse. Bolt ist wie Muhammad Ali in seinen besten Zeiten. Die größte Klappe und die größten Leistungen in einem Mann vereint. Eine Kombination, die es im Hochleistungssports nur selten gibt.

Dabei mangelt es der Sprinterszene vor allem in den USA und Jamaika nicht an Großmäulern. Wenn die Muskelpakete an den Start gehen, laufen sie rum, als hätten sie Rasierklingen unter den Achseln. Jeder sagt vorher, er hätte eine Chance, obwohl er gleich gegen Usain Bolt antreten wird und es eigentlich besser wissen müsste. Zugegeben: Bolt hatte bei den Trials in Jamaika beide Rennen gegen Blake verloren und in diesem Jahr mit Verletzungen zu kämpfen. Damit machte er den Konkurrenten Hoffnung, die er am späten Sonntagabend aber allesamt zerstörte.

Und so verwunderte es bei all der Kraftmeierei schon ein wenig, dass man ein paar dieser Supermänner später weinen sah. Tyson Gay, zweitschnellster Sprinter aller Zeiten, war am Boden zerstört. Das war nur zu verständlich, hatte er doch mit 9,80 Sekunden ein Medaille verfehlt. Schon 2008 musste der US-Amerikaner verletzungsbedingt im Halbfinale von Peking die Segel streichen. Auch in diesem Jahr blieb er nicht verschont, kam aber noch rechtzeitig in Form. Im schnellsten Rennen der Geschichte war aber eine Zeit, die vor gut 13 Jahren noch Weltrekord gewesen wäre, nicht schnell genug. »Ich habe alles gegeben. Mehr war nicht drin«, jammerte Gay.

Auch sein umstrittener Landsmann Justin Gatlin hatte Tränen in den Augen - die jedoch vor Freude, denn Gatlin gewann acht Jahre nach seinem Olympiasieg von Athen nun Bronze. Dazwischen lag eine vierjährige Dopingsperre. Er war als Wiederholungstäter nur nicht lebenslang gesperrt worden, weil er als Kronzeuge im Prozess gegen seinen Trainer aussagte. »Ich bin so glücklich, wieder da zu sein«, so Gatlin. Zu den immer noch mitlaufenden Zweifeln an der Rechtmäßigkeit seiner Medaille wollte er aber lieber gar nichts sagen.

Auch Usain Bolt wird solche Zweifel wohl nie los werden, selbst wenn er nie positiv getestet wurde. Zu weit liegt er im Ziel meist vor allen anderen. Dieses Mal auch wieder vor seinem Trainingspartner Blake, der ihn in Kingston vor ein paar Monaten noch besiegt hatte. »Die Trials waren ein Weckruf für mich«, sagte Bolt nun in London. »Yohan, du hast mich aufgeweckt.« Dabei trainiere Blake viel härter als er selbst, sagte Bolt. »Aber ich habe Talent und weiß, wie ich es einsetzen muss.« Blake schien trotzdem nicht unglücklich: »Das sind meine ersten Spiele. Und ich habe gleich eine Medaille gewonnen. Mehr kann man nicht verlangen.«

Blieb nur noch eine Frage zu klären: Ist Usain Bolt schon eine Legende? »Noch nicht«, sagte Blake. »Über die 200 Meter muss er hier in London seinen zweiten Titel noch verteidigen. Erst dann wird er zur Legende.« Sogar Bolt stimmte zu. »Erst wenn ich zweimal in Folge beide Strecken gewinne, bezeichne ich mich als den Größten. Vorher nicht.«

Den Satz hatte er fünf Minuten später schon vergessen. Auf die Frage, ob der Sieg in London mehr bedeute als der 2008, nickte Bolt, und dieses Mal sprach er die Presse direkt an: »Ihr habt alle gesagt, dass ich es nicht mehr drauf habe. Aber ich habe Euch gezeigt, dass ich der Größte bin.« Da war sie wieder, die große Klappe. Gut, dass seine Beine da mithalten.

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