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Von Jirka Grahl
07.08.2012

Verdacht und Verdrängung

Der Fall Nadja Drygalla

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Nadja Drygalla am Sonntag in Rostock

Die Ruderer sind weg, die Kanuten habendie olympische Regattastrecke in Eton in Beschlag genommen. Doch der Fall einer Ruderin wird wohl noch eine Menge Wellen schlagen. Die 23.jährige Nadja Drygalla aus Rostock war am Freitag aus dem Olympischen Dorf abgereist, nachdem im Internet verbreitet worden war, mit wem sie liiert ist: mit einem Rostocker Neonazi namens Fischer, NPD-Direktkandidat bei den Landtagswahlen 2011. Er gilt als Kopf einer Nazikameradschaft und Betreiber mehrerer rassistischer Hetzseiten im Internet.

Gestern hat Fischer in einem Interview seinen Ausstieg aus der NPD und der Szene erklärt, was unter Insidern wie der Mobilen Beratung gegen Rechtsextremismus allerdings bezweifelt wird. Die Sportlerin hatte bereits am Sonntag der dpa ein längeres Interview gewährt und darin erklärt, ihr Freund sei im Mai 2012 aus der NPD ausgetreten und habe »persönlich mit dieser Sache gebrochen«.

Sie habe sich oft mit ihm gestritten und ihm verdeutlicht, dass sie nicht hinter ihm stehe. Die jetzigen Reaktionen seien »sehr überraschend« gekommen.

Seit dem Wochenende wird der Fall Drygalla heftig diskutiert: Wie viel hätte der DOSB über das Umfeld der Athletin wissen können? Oder wissen müssen? Überhaupt: Wer wusste wann Bescheid über ihre Beziehung zu Michael Fischer, der noch 2006 selbst im deutschen Junioren-Achter bei der WM gerudert war? Hatte der Ruderverband Kenntnis, dass die Olympiastarterin Drygalla mit einem Neonazi verbandelt ist? Wie will Drygalla die Fremdenfeindlichkeit, den Rassismus und die nationalistischen Ideologien ihres engsten Vertrauten verdrängt haben aus ihrem eigenen Denken? Geht das überhaupt? Und darf »so jemand« Deutschland vertreten?

Nadja Drygallas einstiger Arbeitgeber, das Innenministerium Mecklenburg-Vorpommerns, wusste anscheinend so viel über Drygalla, dass man ihr 2011 nahelegte, ihre Polizistenlaufbahn zu beenden. Die Sportlerin willigte ein. Hätten davon nicht auch die Laufbahnberater des DOSB erfahren müssen, selbst wenn der Datenschutz gewahrt geblieben wäre? Wie konnte es Drygallas Verein verborgen bleiben?

So manchen beschlichen Zweifel in der Debatte, die sich am Fall Drygalla entzündete: Wen geht es eigentlich etwas an, mit wem eine deutsche Olympiastarterin das Bett teilt? Will die Öffentlichkeit hier nicht ein bisschen zu viel wissen über das Privatleben einer Sportlerin? Es ging um Meinungsfreiheit und ums Grundgesetz. Zeigt sich nicht in der Meinungsfreiheit die wahre Stärke der Demokratie, und sei die Meinung noch so krude?

Der Sportlerin Drygalla, die der DOSB in der vergangenen Woche so schnell nach Hause geschickt hatte, war bis gestern Nachmittag keine rechtsextreme Handlung nachzuweisen. Es gibt auch noch keinen Beleg über Äußerungen, die eine rassistische oder diskriminierende Haltung bei ihr verrieten. Das muss beileibe noch kein Beweis für eine weiße Weste sein. Aber selbst jenes Foto von einer Nazidemonstration im Jahr 2009, auf dem die »Welt am Sonntag« die Ruderin vermutete, zeigt nach einem Bericht der Antifa-Internetseite »Kombinat-Fortschritt.com« wahrscheinlich nicht Drygalla, sondern eine andere Frau. Man habe dies der »WamS« sogar noch vor der Veröffentlichung mitgeteilt, heißt es auf der Seite. Drygalla bestreitet, jemals an Demos teilgenommen zu haben.

»Frau Drygalla wird ein strammer Hang ins Nazi-Milieu nachgesagt. Das ist nicht neu und das war nicht unbekannt«, erklärte Petra Pau am Freitag auf ihrer Internetseite. Auf »Bild.de« schaffte es die LINKE-Politikerin damit am Freitag auf die Startseite. Warum sie ihr Wissen so lange zurückgehalten hat, verriet sie nicht.

Auch Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich ließ in London aufhorchen: »Extremistisches Gedankengut hat im Sport keinen Platz«, so äußerte sich der CSU-Politiker bei seinem Olympiabesuch. Dass die Vorsilbe »Rechts-« fehlte, wird vielen nicht entgangen sein.

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