Von Velten Schäfer
07.08.2012

Eine Kiste voll Pistolen

Skandalfirma Verfassungsschutz: Peter Urbach war der erfolgreichste Provokateur der deutschen Geschichte. Angeblich starb er vor einem Jahr (3)

Bereits seit den frühen 1970er Jahren ist bekannt, dass die ersten Bomben des westdeutschen Linksterrorismus direkt vom Staat kamen. Irgendwelche Konsequenzen gab es nie.

Das letzte, was von Peter Urbach zu hören war, sind die Nachrufe aus dem Frühjahr. Angeblich ist er 2011 in Kalifornien gestorben, wo er zuletzt als Rohrleger gejobbt haben soll. Das war sein Beruf, und das war seinerzeit auch sein Eintrittsbillett in die militante Szene Westberlins. Nach 1968 verschaffte er sich als Handwerker, der auch mal was reparierte, Zugang zu der Welt der Radikalen. Er kokettierte mit dem Proletarischen, das er an sich hatte. Und als er dann enttarnt war, konnten viele das gar nicht glauben.

Die Urbach-Geschichte ist tatsächlich abgrundtief. Urbach, und mit ihm der Berliner Verfassungsschutz, bilden einen Ausgangspunkt der politischen Gewalt der 1970er. Der unauffällige Mann, der auf einem Foto mit Strickjäckchen zwischen dem wilden Kommunarden Fritz Teufel und Anwalt Otto Schily zu sehen ist, trieb die Militarisierung der Studentenbewegung tatkräftig voran.

Auf der Kundgebung gegen den Springer-Verlag nach dem Attentat auf Rudi Dutschke versorgte er die erzürnten Demonstranten aus einem Korb mit Molotow-Cocktails. Er platzierte Sprengutensilien in Wohnungen, die dann »gefunden« werden konnten. Den Militanten bot er die berühmte »Kiste voll Pistolen« an.

»Ohne die Starthilfe« durch den Berliner Innensenator Kurt Neubauer (CDU) »und die staatlich geförderte Tatkraft seines Agenten Urbach wäre die RAF womöglich gar nicht entstanden«, schrieb die »Süddeutsche Zeitung«. Der frühere Studentenführer Tilman Fichter nannte Urbach den »erfolgreichsten Provokateur der Geschichte« und »Waffenmeister« der ersten RAF-Generation.

Der Zynismus der Staatsschützer raubt bis heute den Atem. Was wäre passiert, wenn 1969 die Urbach-Bombe an der Route des US-Präsidenten Richard Nixon explodiert wäre? Was hätte man dann mit linken Studenten gemacht?

Besonders unklar ist bis heute die Geschichte der berühmtesten Bombe von Peter Urbach, die am 9. November 1969 im Jüdischen Gemeindehaus gefunden wurde. Seit dem 2005 erschienenen Buch von Wolfgang Kraushaar ist wohl unbestreitbar, dass auch sie vom Verfassungsschutz kam. Wie gefährlich war sie aber? In der Westberliner »Abendschau« wurde zeitgenössisch die Detonation eines »Duplikats« vorgeführt - eine gewaltige Explosion, die viele Todesopfer gefordert hätte. Kurz danach jedoch soll der Innensenator im Abgeordnetenhaus unter der Hand abgewiegelt haben, es sei nur ein Brandsatz gewesen. Auch Beteiligte schildern das im Nachhinein so. Wie es nun war, wird man nie erfahren. Trotz der Aussagen des von der Aktion angewiderten »Haschrebellen« Bodo Saggel ist die Geschichte nie umfassend aufgeklärt worden.

Peter Urbach hatte sich, wie auch Rudi Dutschke, aus der DDR abgesetzt. Der Legende nach war er als »Maoist« bei der Berliner S-Bahn von den »Stalinisten« der SEW gemaßregelt worden, dem Westberliner SED-Ableger. Das glaubten viele »Antiautoritäre« gerne. Nur Dutschke soll gemutmaßt haben, dass Urbach mit den DDR-Diensten zu tun hatte.

Doch gefunden wurde bisher nichts dergleichen. Günter Langer, ein ehemaliger Weggefährte, nennt Urbach heute einen »antikommunistischen Adrenalin-Junkie«, der in die Höhle des Löwen gewollt habe.

Bekannt ist das Doppelleben des Peter Urbach, seit er 1971 gegen Horst Mahler aussagte und dann in den USA verschwand. Fragen zu Bomben und Waffen, hatte er dem Gericht erklärt, könne er nicht beantworten. Von Konsequenzen für die Verantwortlichen der unglaublichen Berliner Bomben-Saga hat man nie gehört.

In Internet unter www.neuesdeutschland.de/vspannen. Die Serie wird am Freitag fortgesetzt.

Werbung in eigener Sache

Artikel weiterempfehlen und ausdrucken