Von Andreas Fritsche
07.08.2012
Brandenburg

Abriss am alten Mädchen-KZ

Neben der Gedenkstätte Ravensbrück weichen Panzerhallen einem würdigen Ort

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Abrissbagger an den alten Panzerhallen

»Wer hätte das gedacht?« Beinahe sprachlos ist die junge Frau am Montagvormittag. Sie findet aber doch ein paar Worte und lacht. Eine andere junge Frau weint vor Freude. Ein Taschentuch will sie nicht annehmen, wischt sich mit der Hand übers Gesicht. Im Wald östlich der KZ-Gedenkstätte Ravensbrück werden jetzt alte sowjetische Panzerhallen und Häuser - insgesamt 44 Gebäude - abgerissen. Das ist die Voraussetzung, um hier einen würdigen Gedenkort zu schaffen. Schließlich befand sich an dieser Stelle einst das Jugendschutzlager Uckermark, heute oft auch Mädchen-KZ genannt.

Die Initiative für einen Gedenkort Mädchen-KZ Uckermark hatte jahrelang dafür gearbeitet und gestritten, dass auf dem Areal etwas geschieht. Am diesem Montag ist es nun endlich soweit. Ein Abrissbagger der Rheinsberger Firma Baulogistik Lück springt an. Die große Schere am Arm des Baufahrzeugs greift in das Betonskelett der ehemaligen Panzerhallen und reißt ein erstes Stück heraus. Es folgen weitere Stücke, bis mehrere Teile der Konstruktion in sich zusammenfallen. Die Zuschauer, darunter viele junge Frauen, staunen und jubeln. Einige machen Fotos, auch der Landtagsabgeordnete Torsten Krause (LINKE) geht ein paar Schritte nach vorn und lichtet die Szene mit seinem Handy ab.

Bis Jahresende sollen alle 44 Gebäude weichen. Das bedeutet: 1000 Kubikmeter Schutt müssen weggeschafft werden. Bereits im Juli hatte die Baufirma damit begonnen, Wellasbestplatten zu demontieren und zu entsorgen. Auftraggeber ist die Stadt Fürstenberg/Havel, zu der Ravensbrück gehört. Bezahlen muss die Stadt aber nicht selbst. Die Kosten teilen sich das Land Brandenburg, das 800 000 Euro gibt, und der Bund, der die restlichen 200 000 Euro übernimmt. Bei den Bauarbeiten wird darauf geachtet, die Natur nicht unnötig zu beeinträchtigen. Immerhin hatte sich das Gelände in den Jahren nach dem Abzug des Militärs zu einem Biotop entwickelt.

Die Faschisten begannen 1941 damit, das Jugendschutzlager Uckermark zu errichten. Mitte 1944 standen mehr als ein Dutzend Baracken. Eingesperrt wurden hier etwa 1000 Mädchen und junge Frauen. Sie galten als asozial, weil sie beispielsweise bei der Arbeit bummelten oder angeblich ein liederliches Leben führten. Viele mussten auch deswegen leiden, weil sie einen Zwangsarbeiter liebten, eine Beziehung mit ihm hatten. Die Bedingungen im Jugendlager unterschieden sich kaum von den schrecklichen Verhältnissen, die im benachbarten Frauen-KZ Ravensbrück herrschten, heißt es. Das Jugendlager unterstand dem KZ-Kommandanten. Ende 1944 wurde es schrittweise geräumt. Die SS nutzte das Gelände dann als Todeslager für Schwache und Kranke.

Die Geschichte soll in der neuen Dauerausstellung der Gedenkstätte Ravensbrück, die im April 2013 eröffnet wird, »ausführlich« dargestellt werden, verspricht die stellvertretende Gedenkstättenleiterin Carola Hundertmark.

Abteilungsleiter Hajo Cornel vom brandenburgischen Kulturministerium nennt das Gelände im Wald einen »europäischen Friedhof«. Der Ort befinde sich derzeit noch in einem Zustand, der seiner Bedeutung nicht angemessen sei. Den Opfern sei unvorstellbares Leid angetan worden, den Überlebenden auch noch nach der Befreiung - denn als sogenannte Asoziale sind sie weiterhin stigmatisiert gewesen. »Zynisch« seien die Häftlinge des Jugendlagers von den Nazis lediglich als »Zöglinge« bezeichnet worden, dabei habe es dort keine Erziehung gegeben. Es habe brutaler Terror geherrscht. Cornel bedauert, dass die Betroffenen »lange durch das Raster des öffentlichen Gedenkens gefallen sind«.

Am 30. April 1945 hatte die Rote Armee das KZ Ravensbrück befreit und 2000 zurückgelassene Kranke vorgefunden. Die übrigen 20 000 Häftlinge hatte die SS auf Todesmärsche Richtung Nordwesten getrieben. Die sowjetischen Truppen nutzten große Teile des früheren KZ-Geländes und auch das alte Jugendschutzlager jahrzehntelang als Kaserne. Lediglich einen kleineren Bereich im Westen traten sie für die Eröffnung der Mahn- und Gedenkstätte im Jahre 1959 ab. Die Panzerhallen stammen aus der Zeit der sowjetischen Garnison. Die Betonkonstruktion blieb stehen und verwitterte.

Früh hat es geregnet. Die Erde ist aufgeweicht, im Matsch stehen Pfützen. Das ist kein schöner Anblick, aber davon abgesehen sind die Aussichten herrlich. Der Abrissbagger tut sein Werk. Es ist nicht mehr zu übersehen und nicht zu überhören, dass nun endlich ein würdiger Gedenkort entstehen kann. Bislang war das Gelände am Radweg nach Himmelpfort nicht öffentlich zugänglich, weil eine Gefährdung wegen der baufälligen Gebäude nicht auszuschließen war. Nach dem Abriss soll es anders werden.

»Wer hätte das gedacht!«, hat die junge Frau gesagt. Die Stimmung ist trotz des mäßigen Wetters hervorragend. Getrübt werde die Freude bloß dadurch, bedauert sie, die Freude nur noch mit wenigen Überlebenden teilen zu können.

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