Von Alberto Acosta
10.08.2012

Buen Vivir

Entwicklung - ein problematisches Konzept

Lateinamerika erlebt derzeit einen Rückbezug auf seine Ursprünge - ausgehend von einer wieder auflebenden Kritik am Konzept der Entwicklung. Einerseits werden kritische Debatten aufgegriffen, die vor langer Zeit geführt wurden, aber in Vergessenheit geraten sind. Andererseits erleben eigene Vorstellungen der Völker und Nationen des Abya Yala (alter Name für Amerika) - sowie aus anderen Regionen dieser Erde - ihre Blüte.

Der Entwicklungsbegriff hat sich, ebenso wie viele Richtungen seiner Kritik, innerhalb eines westlichen, modernen Wissens herausgebildet. Die lateinamerikanischen Debatten überschreiten diese Grenzen. Ausdruck findet dies in den Verfassungen: In Ecuador ist das »gute Leben« in der Verfassung als Buen Vivir (spanisch) oder sumak kawsay (quechua) verankert; in Bolivien als Vivir Bien (ebenfalls spanisch), als suma qamaña (aymara) oder ebenfalls als sumak kawsay. Das heißt aber noch lange nicht, dass in diesen Ländern das Buen Vivir verwirklicht wird. Die Aufgabe besteht darin, die Lebensweisen der indigenen Gemeinschaften aufzugreifen und sie so anzuerkennen, wie sie sind - ohne sie zu idealisieren.

Abgesehen von den Visionen aus Abya Yala können auch verwandte ganzheitliche Philosophien aus allen Teilen der Erde herangezogen werden, die sich der Suche nach dem Buen Vivir verschrieben haben. Als Kultur des Lebens hat das sumak kawsay vielfältige Namen und Ausprägungen und ist zu verschiedenen Zeiten und in diversen Regionen der Mutter Erde praktiziert worden; auch Aristoteles' Verständnis eines guten Lebens könnte dazu gezählt werden. Ebenso können ökologische, humanistische, feministische und marxistische Zugänge die Debatte bereichern.

Das Buen Vivir, wie es heute in den Andenländern diskutiert wird, ist Teil einer langen Suche der Menschheit nach Alternativen, geprägt durch die Hitze der Kämpfe für Emanzipation. Wichtig ist, dass diese Alternativen am intensivsten von denjenigen entwickelt wurden, die traditionell am meisten ausgegrenzt wurden. Das Buen Vivir unterscheidet sich grundsätzlich von der westlichen Weltanschauung, weil es auf kommunitäre, nicht-kapitalistische Wurzeln zurückgeht. Es bricht mit der anthropozentrischen Logik sowohl der herrschenden kapitalistischen Zivilisation als auch der bis heute real existierenden Sozialismen.

Das Buen Vivir ist etwas anderes als Entwicklung. Es kommen hier keine Programme, Maßnahmen und Indikatoren zum Einsatz, um von der »Unterentwicklung« in Richtung einer angestrebten »Entwicklung« zu gelangen. Dies ist sowieso ein aussichtsloses Unterfangen; schließlich haben nur wenige Länder das erreicht, was üblicherweise mit dem Begriff der Entwicklung beschrieben wird.

Das Problem liegt aber nicht allein in den Wegen zur Entwicklung. Das Konzept der Entwicklung selbst ist problematisch. Man könnte sagen: Die Welt hat sich derzeit ganz allgemein »schlecht entwickelt.« Dies betrifft auch die so genannten Industrieländer, deren Lebensstil einmal als Orientierungspunkt für die rückständigen Ländern galt. Aber dies ist nicht alles: Das kapitalistische Weltsystems insgesamt funktioniert »schlecht entwickelnd«.

Kurzum: Das traditionelle Konzept des Fortschritts muss ebenso wie seine vielfältigen Synonyme dringend überwunden werden - und zwar in seiner Fixierung auf die Produktion, in seiner eindimensionalen Entwicklungsorientierung, in seiner mechanistischen Vorstellung von Wirtschaftswachstum. Darüber hinaus brauchen wir aber auch eine neue Vision, die reicher an Gehalt ist - und auch reicher an Schwierigkeiten.

Manches indigene Wissen kennt überhaupt keinen der Entwicklung entsprechenden Begriff, weswegen diese Idee auch oftmals ganz verworfen wird. Das Leben wird nicht als linearer Prozess vorgestellt, als Dichotomie eines Vorher und Nachher. Es gibt keine unterentwickelten und entwickelten Phasen, welche die Menschen auf der Suche nach Wohlstand durchlaufen müssen, wie es in der westlichen Welt gedacht wird. Auch gibt es keine Konzepte von Reichtum als Anhäufung und Armut als Mangel an materiellen Gütern.

Das Buen Vivir muss immer wieder in enger Beziehung zur Natur aufgebaut und reproduziert werden. In einer solchen ganzheitlichen Vorstellung geht es darum, die Vielfalt der Elemente zu verstehen, von denen die menschlichen Tätigkeiten abhängen, die das Buen Vivir ermöglichen: Dazu gehören das Wissen, die Regeln ethischen und spirituellen Verhaltens gegenüber der Umgebung, menschliche Werte, eine Vision von der Zukunft, und vieles mehr. Das Buen Vivir wird so zu einer zentralen Kategorie in den Lebensphilosophien der indigenen Gesellschaften.

Das Buen Vivir ist ein vielfältiges Konzept (es wäre besser, von vielen »guten Leben« oder »Formen guten Zusammenlebens« zu sprechen). Es entstand zwar vor allem in indigenen Gemeinschaften, leugnet aber nicht die technologischen Vorteile der modernen Welt oder mögliche Beiträge anderer Kulturen und Wissensformen, die die herrschende Moderne in Frage stellen. Im Rahmen des Buen Vivir ist es nicht möglich, Ungerechtigkeiten und Ungleichheiten zu tolerieren, wie sie der Kapitalismus verschärft. Es kann auch keine kleinen Gruppen in der Bevölkerung geben, die auf Kosten der großen Mehrheiten leben.

Aber das Konzept geht noch darüber hinaus: Statt die Trennung zwischen der Natur und den Menschen aufrechtzuerhalten, statt eine Zivilisation zu unterstützen, die das Leben gefährdet - sieht es das Buen Vivir als große Aufgabe, beides wieder einander anzunähern. Dafür werden wir vom aktuellen Anthropozentrismus zu einem (Sozio)-Biozentrismus übergehen müssen.

Mit dem Postulat einer Harmonie mit der Natur, mit seiner Opposition gegen die permanente Akkumulation, mit seiner Rückwendung zum Gebrauchswert, öffnet das Buen Vivir - als offenes und im Entstehen begriffenes Programm - eine Tür für die Formulierung von alternativen Visionen. Dazu gehört der Aufbau einer Demokratie der Erde, als Grundlage dafür, die Rechte der Natur zu realisieren. Ein erster und unabdingbarer Schritt in diese Richtung und eine Grundlage für eine neue Ökonomie ist es, dass wir uns für eine Entkommerzialisierung der Natur einsetzen - und nicht für ihre Kolonisierung, wie es die Green Economy vorsieht.

Das Buen Vivir schlägt somit einen zivilisatorischen Wandel vor - und dieser ist nur möglich auf der Grundlage von mehr Demokratie. Wenn der Weg nicht demokratisch ist, wird auch die angestrebte Gesellschaft im Ergebnis nicht demokratisch und auch nicht nachhaltig sein. Denn jede Form des Autoritarismus wird nicht nur zu mehr sozialer, sondern auch zu mehr ökologischer Zerstörung führen.

Übersetzt aus dem Spanischen von Susanne Schultz
Alberto Acosta, Ökonom, lehrt an der FLACSO in Ecuador. Er war Energie- und Bergbauminister und Präsident der Verfassungsgebenden Versammlung in Ecuador.

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