Von Oliver Händler, London
10.08.2012

Wenn sich alle über den Haufen fahren

BMX-Fahrer erfreuen sich großer Beliebtheit - vor allem die stürzenden

Beim BMX treffen sich die Draufgänger Olympias. Die Zuschauer feiern vor allem Stürze. Der Rennausgang ist egal. Ein Deutscher scheitert knapp am erhofften Einzug ins Halbfinale - obwohl er auf dem Rad sitzen bleibt.

Noch ein letztes Mal bekreuzigen und dann geht's abwärts. Acht Meter in die Tiefe, dann wieder hoch und mit 60 Stundenkilometern ab in die Luft in einen knapp zehn Meter weiten Sprung. Acht Fahrer machen das. Gleichzeitig! Auf kleinen BMX-Rädern. »40 Sekunden Action pur«, nennt das der deutsche Olympiastarter Maik Baier. Einen besseren Sport für Draufgänger gibt es nicht bei den Olympischen Spielen von London.

Spätestens im dritten Viertelfinallauf auf dem BMX-Track im Olympic Park zeigte sich den Zuschauern, was diesen Sport ausmacht. Der Neuseeländer Marc Willers geht als Führender in die erste Steilkurve. Alle Fahrer dahinter fahren sich gegenseitig über den Haufen. Willers schaut sich um und glaubt nicht, was er sieht. Er schaut noch mal. Immer noch keiner zu sehen. Er fährt locker ins Ziel. Cruisen nennt das die BMX-Gemeinde.

Hinter Willers rappeln sich die anderen wieder auf und werfen sich wieder aufs Rad. Es kommt auf jeden Platz an, da zählen Schmerzen nicht. Nur knapp bei der Hälfte der 20 Läufe an dem Tag stürzt niemand. »Wir haben jeder nur etwa einen Meter Platz, das sind an jedem Lenkerende vielleicht noch fünf Zentimeter«, sagt der 19-jährige Reutlinger Luis Brethauer. Die Zuschauer lieben es. Es scheint ihnen wichtiger, wie vielen Fahrern irgendwann diese fünf Zentimeter ausgehen, als wer als Erster durchs Ziel fährt.

Zwischen den Läufen gibt es Showwettkämpfe, wer am höchsten springt. Oder ein DJ lässt die Plattennadel springen. Als ob die Tausenden Zuschauer nicht schon genügend unterhalten wären.

Waren am Tag zuvor im sogenannten Seeding Run noch alle Fahrer einzeln unterwegs, um schnelle Zeiten zu fahren, kämpften sie nun Rad an Rad, Schulter an Schulter, Lenker an Lenker um den besten Platz in der ersten Kurve. Danach stand die Reihenfolge meist schon fest, und es galt nur noch, besser über die restlichen Einzel- und Doppelsprünge zu kommen als der Australier Khalen Young. Der legte im ersten Lauf ein kleines bisschen zu viel Gewicht auf das Vorderrad und kippte vornüber. Auch das ist schmerzlich, denn beim Bicycle Moto Cross (BMX) kommt nach einem Sprung immer gleich der nächste. Wer dann nicht mehr auf seinen Pedalen steht, kann nur noch hoffen, dass seine Gegner ihn nicht gleich überrollen.

Khalen Young humpelte ins Ziel, doch wer nun dachte, das war es für ihn, der unterschätzt BMX-Fahrer. Zum zweiten von fünf Viertelfinalläufen saß er wieder im Sattel - und wurde Zweiter. Nur (!) zwei von 32 Fahrern schieden verletzt aus. Berufsrisiko.

Young erreichte locker noch das Halbfinale. Nach je drei Läufen kamen die bis dahin besten zwei Fahrer einer jeden Achtergruppe ins Semifinale, die restlichen sechs mussten noch zweimal ran, um die nächsten beiden Schnellsten auszufahren. Bei vier Gruppen erreichten letztlich 16 Fahrer die heutige Halbfinalserie, nach der dann direkt der Finallauf ausgetragen wird.

Die größten Chancen, in diesem dann um Gold zu fahren, haben wohl der US-Amerikaner Connor Fields und der Niederländer Raymon van der Biezen, die jeweils all ihre Läufe sicher gewannen. Für den 24-jährigen Maik Baier aus Bietigheim ist im Viertelfinale Endstation, und auch Youngster Brethauer konnte sich nicht in die nächste Runde vorkämpfen. Nur ein Punkt fehlte dem 19-Jährigen am Ende, obwohl er in jedem Lauf auf dem Rad sitzen blieb. Das ist schon sehr viel Wert beim BMX, auch wenn es den Zuschauern nicht so sehr gefällt.