Von Ute Weinmann
11.08.2012

Die antifaschistische Bewegung in Russland

Angriffe von Rechts, politische Repression, Vereinzelung: Junge Antifaschisten haben es schwer in Russland

Ein ruhiges Wohnviertel unweit des Moskauer Stadtzentrums. Hier herrscht eine für die Megacity überaus entspannte Atmosphäre. Man könnte fast schon von idyllischen Verhältnissen sprechen. Nicht nur aufgrund des in bunten Farben gestalteten Spielplatzes oder den zu einer Ruhepause einladenden Parkbänken, sondern weil weit und breit kein einziges Hakenkreuz oder andere Graffitis zu sehen sind, die auf die Präsenz von Neofaschisten im Viertel schließen lassen. Ein Ort also, an dem sich Moskauer Antifaschisten wie Sergej, Iwan und Aleksej relativ sicher fühlen können.

Rein äußerlich fallen die drei jungen Männer kaum auf. Sie grenzen sich ab von gleichaltrigen, subkulturell orientierten Antifaschisten, für die der Dresscode einen substanziellen Teil der Identität darstellt. Lediglich der Jüngste von ihnen, Sergej, hochgewachsen, hat eine angedeutete Punkfrisur, die in einer deutschen Großstadt nicht der Rede wert wäre. In Moskau aber zieht er Blicke auf sich und ist gelegentlich mit bösen Kommentaren konfrontiert. Auch seitens der »Faschiki«, Neofaschisten, die ihrerseits nur noch höchst selten im klassischen Outfit mit Springerstiefeln und weißen Schnürsenkeln auf die Straße gehen. Antifaschisten erkennen sie trotzdem.

Aufklärungsarbeit gegen rechte Ideologie

Sergejs antifaschistische Grundeinstellung ist für ihn eine logische Folge seiner Beobachtungen im nahen Umfeld. »Ich habe mich einfach nur umgeschaut, was bei Jugendlichen abgeht: Migranten sind für sie keine Menschen.« Die Gleichwertigkeit aller Menschen steht für ihn außer Frage. Sein Credo lautet: »Antifaschisten müssen für Gleichheit kämpfen, erst das macht sie zu Antifaschisten.«

Aleksej, der derzeit eine Ausbildung zum Elektromonteur absolviert, stammt aus der ein ganzes Stück weiter östlich des Baikalsees gelegenen Stadt Tschita. Erst seit seinem Umzug nach Moskau bekennt er sich zum Antifaschismus. »Bei uns zu Hause gibt es viele unterschiedliche Nationalitäten und das Zusammenleben funktioniert recht reibungslos«, sagt Aleksej. »Viele fahren ja auch regelmäßig nach China. Hier in Moskau ist das Verhältnis zu Zugereisten dagegen extrem angespannt.« Im Auftrag einer Moskauer Beratungsstelle für Opfer rassistischer Gewalt verteilen er und seine Genossen Faltblätter, um Migranten auf das Unterstützungsangebot aufmerksam zu machen. Auch der ganz in schwarz gekleidete Programmierer Iwan zieht seine Motivation aus der herrschenden aggressiven Grundstimmung gegenüber jenen, die, wie man immer hört, den Moskauern Arbeitsplätze wegnehmen. Iwan betont, dass antifaschistische Strukturen in Russland in der Regel dort entstehen, wo die Rechten stark sind.

Für alle drei spielte der Anarchismus eine wesentliche Rolle bei ihrer Politisierung. Sie nehmen inhaltlich Bezug auf die anarcho-kommunistische Vereinigung »Autonome Aktion«, in der sich auch viele Antifaschisten organisieren, doch kam eine Mitgliedschaft für sie nicht in Frage. So gründeten sie in diesem Frühjahr eine eigene Gruppe, der bislang zwölf Antifaschisten angehören. Allerdings ist die Gruppe noch ohne Namen und ohne sichtbare Attribute. Anonymität bietet wenigstens ein Mindestmaß an Sicherheit. Nach Gleichgesinnten suchen sie lieber gezielt über das Internet und persönliche Gespräche.

In der Gruppe besteht Einigkeit darüber, sich auf Aufklärungsarbeit zu konzentrieren, doch entwickelt jeder seine eigenen Vorlieben. Aleksej meint, rechte Strukturen müssten bekämpft werden, gleichzeitig gelte es aber auch, eine breite, gesellschaftliche Wirkung zu erzielen. Für Sergej steht Propaganda im Vordergrund. »Ich hoffe, dass der Inhalt unserer Flugblätter die Leute erreicht.« Am einfachsten und effektivsten sei die Verteilung auf den großen Kundgebungen der Opposition.

Iwan wiederum geht gezielt auf Rechte zu, um mit ihnen zu reden. »Überzeugungsarbeit«, meint er, »kann man eigentlich überall leisten«. Als Argument bezieht er sich gerne auf den Zweiten Weltkrieg. »Für wen hat dein Großvater gekämpft?« Diese Fangfrage bringt überzeugte russische Neofaschisten in ein Dilemma, denn kaum jemand würde eingestehen wollen, dass sein Vorfahre keinen Anteil am sowjetischen Sieg über die Deutschen gehabt hatte. Es mag sein, dass solche Methoden nicht immer funktionieren, Erfolge seien aber nicht von der Hand zu weisen. »Ich habe mehrere meiner Bekannten zum Ausstieg aus der rechten Szene gebracht.« Diese Erkenntnis verschafft Sergej sichtlich Befriedigung.

Koordiniertes Handeln ist praktisch unmöglich

Iwan findet auch die Auseinandersetzung mit Neonazis gegen deren Präsenz auf der Straße wichtig. »Einmal hat mich ein Freund angerufen und gebeten, schnell an einen bestimmten Ort zu kommen. Er brauchte dringend Verstärkung. Dort hatten sich 50 Rechte eingefunden, aber nur 30 Antifaschisten. Die Faschisten waren voll in ihrem Element. Eine Schlägerei konnte man das nicht mehr nennen, das war eher ein Gemetzel, hat uns viel Blut gekostet. Wir wurden übel zugerichtet, deshalb haben wir den Rückzug angetreten. Aber alle sind am Leben geblieben.«

Normalerweise achten Antifaschisten darauf, in Überzahl aufzutreten, dennoch kommt es immer wieder zu Szenen wie die hier beschriebene. Außerdem nehme die Anzahl Rechtsradikaler spürbar zu. Zuverlässige Angaben existieren nicht. Ebenso fällt es den dreien schwer, genaue Angaben über die Größenordnung der antifaschistischen Bewegung in Moskau und Umgebung zu machen. Die Szene ist in eine Vielzahl kleiner, unabhängiger Gruppen zerstückelt, man kennt sich untereinander kaum. Die drei betonen immer wieder, dass es zu wenig Vernetzung gibt, es fehlen Räume für Treffen und zum Austausch. Koordiniertes Handeln oder gar strategisches Planen sind somit praktisch unmöglich. Oft blicken sie nach Deutschland, aber sie wissen, dass die Voraussetzungen in Russland derzeit nicht gegeben sind, um sich an der deutschen Antifa zu messen.

Doch fehlt es der russischen Antifabewegung nicht allein an Ressourcen. »Politische Repressionen stehen einer Vereinigung und Stärkung der Bewegung im Weg«, ist sich Sergej sicher. In den vergangenen Jahren nahmen die Strafverfolgungsbehörden Antifaschisten verstärkt ins Visier. Mehr noch, der Staat kooperiere eng mit rechten Strukturen, beispielsweise treten Neofaschistischen als Security bei Veranstaltungen von Kreml-nahen Jugendorganisationen auf.

Auch lässt das Image der jungen russischen antifaschistischen Bewegung in der Öffentlichkeit zu wünschen übrig. »Man bezeichnet uns abwertend als Schawki (dt. Köter).« Iwan macht ein betroffenes Gesicht. Der Nazi-Slang habe längst Eingang in den Wortschatz der normalen Bevölkerung gefunden. Pessimismus macht sich bei den dreien angesichts der allgemeinen politischen Lage im Land breit, doch hält sie das nicht von ihren Aktivitäten ab. »Ich haben einen Plan für die Zukunft, nämlich alle Antifaschisten in einer Organisation zu vereinigen.« Aleksej und Iwan pflichten ihrem Freund und Genossen bei und verlassen das Viertel in Richtung Metrostation.


Die antifaschistische Bewegung in Russland

Erst seit der Jahrtausendwende kann man in Russland von der Existenz einer antifaschistischen Bewegung sprechen. Die meisten russischen Antifaschisten und Antifaschistinnen leben im Großraum Moskau. Schätzungen zufolge liegt ihre Anzahl zwischen 700 und 2500. Orte ihres Zusammentreffens sind Musikkonzerte oder auch der Kampfsport. Tätliche Auseinandersetzungen mit Neofaschisten gehören insbesondere im Moskauer Umland zur Tagesordnung, weshalb viele auf Selbstschutzmaßnahmen - wie Vermummung auf Demonstrationen - Wert legen.

Über die Aktivitäten neofaschistischer Strukturen klären die Antifaschisten in eigenen Flugblättern und Internetseiten auf. Sie beteiligen sich auch an den jüngsten regierungskritischen Protestbewegungen in Russland und organisieren eigene Kundgebungen, aufgrund des restriktiven Versammlungsrechts allerdings meist ohne Genehmigung. Eine Ausnahme stellen die jährlichen Demonstrationen am 19. Januar zum Gedenken an den Rechtsanwalt Stanislaw Markelow und die Journalistin Anastasia Baburowa dar, die 2009 von Neofaschisten ermordet wurden. Politische Nähe und personelle Überschneidungen gibt es auch zur Tierschutz- und Ökologiebewegung.

Teil der antifaschistischen Bewegung ist die kleine Gruppe »Autonome Aktion« libertärer Kommunisten, die eine eigene Zeitung herausgibt und eine Russland-weite Vernetzung antifaschistischer Kräfte anstrebt. Aufgrund zunehmender Strafverfahren gegen Angehörige der Antifabewegung kommen Solidaritätskampagnen wachsende Bedeutung zu. Ute Weinmann

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