Von Michael Lenz
13.08.2012

Die hausgemachte Katastrophe

Schwere Regenfälle führen zu Überschwemmungen auf den Philippinen

Nach dem Tropensturm Ondoy im Jahr 2009 sollte alles besser werden, doch geschehen ist wenig in der Metropolenregion Manila. Ergebnis: Wieder stehen die Slums wetterbedingt unter Wasser, tausende Familien verloren ihr Hab und Gut.

Den Kopf auf die Hand gestützt schaut eine Frau mit traurigen Augen aus dem Fenster ihrer Hütte aus Holz und Plastikbahnen. Schon zu normalen Zeiten ist der Ausblick auf die Elendsquartiere, den Schmutz, die Armut in dem Slum in Malabon City deprimierend. Nach den Monsunwolkenbrüchen der vergangenen Woche steht der Slum jetzt unter Wasser. Resigniert starrt die Frau auf die schmutzige Brühe vor ihrer Hütte, auf der eine dicke Schicht aus Müll und Abfällen wabert.

Der heftige Monsunregen der letzten Woche hatte das Leben in der Metropolenregion Manila zum Erliegen gebracht. Gut 80 Prozent der aus 16 Großstädten, darunter Malabon sowie die philippinische Hauptstadt Manila, bestehenden Region standen unter Wasser. Mehr als zwei Millionen Menschen sind betroffen, tausende Familien verloren ihr Hab und Gut.

Die Slumbevölkerung in Metro Manila zählt rund drei Millionen Menschen. Und Opfer der Überschwemmungen sind nur die Slumbewohner. Dieser Satz stellt keine unzulässige Vereinfachung der Situation dar: Auf der Suche nach einem besseren Leben in der Stadt bauen die Armen ihre Hütten da, wo sie Platz finden und sonst niemand bauen mag: an Ufern der von Müll, Chemikalien, Abfällen, Fäkalien verseuchten Flüsse, Kanäle, Seen.

Rückblende: Anfang September 2009 richtete der tropische Wirbelsturm Ondoy über Manila fast noch schlimmere Verwüstungen an, als die Monsunwolkenbrüche der vergangenen Woche. Zur gleichen Zeit wurde damals eine internationale Klimakonferenz in Bangkok eröffnet. Der klimapolitische Berater der damaligen philippinischen Präsidentin Arroyo wollte vor versammelter Medienschar politisches Kapital aus Ondoy schlagen: »Da sieht man mal wieder: vom Klimawandel sind immer die Armen betroffen. Bei vergleichbaren Katastrophen in reichen Ländern sind die Schäden nie so groß wie bei uns.«

Was er unterschlug war, dass das Ausmaß solcher Katastrophenschäden auf den Philippinen zu einem guten Teil hausgemacht ist. Unzureichende stadtplanerische Kompetenz in Metro Manila zusammen mit der endemischen Korruption führen zu jenem unheilvollen Mix, den Stadtplaner Fouad Bendimerad gegenüber »nd« so beschreibt: »Es fehlt der politische Wille, die Probleme an der Wurzel zu packen.« Zudem mangele es an den notwendigen finanziellen Mittel und einer umfassenden Zusammenarbeit der Verwaltungen der 16 Kommunen, so der Vorsitzende der internationalen Erdbeben- und Megacities Initiative (EMI) in Manila.

Nach Ondoy sollte alles anders werden. 2,7 Millionen Slumbewohner sollten umgesiedelt werden, weg aus Gefahrenzonen. Das Einzige, was seitdem geschehen ist: die Slumbevölkerung wuchs rapide. Nathaniel von Einsiedel, Ex-Chefstadtplaner von Manila, erklärte in der vergangenen Woche warum existierende Verbote der Siedlung in ufernahen Regionen nicht durchgesetzt werden. »Lokalpolitiker brauchen die Menschen in den Slums als Wähler.«

Schwere Wolkenbrüche werden durch den Klimawandel die »neue Normalität« sein, unkt Umweltminister Ramon Paje. Die alte Normalität für Menschen wie die traurige Frau in Malabon City aber besteht darin, dass Metro Manila darauf nicht vorbereitet ist. »Gebraucht wird ein neue Vision, die Widerstandsfähigkeit in das Zentrum der Politik stellt«, sagt der Wissenschaftler Bendimerad. »Aber diese Vision fehlt.«

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