Von Mathias Wedel
14.08.2012
Flattersatz

Sieh, das Elend liegt so nah!

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Vielleicht sind wir sorglos und gleichgültig geworden, weil es uns so verdammt gut geht: Wir lachen, trinken und tun’s den Vögeln nach. Seit es den Coffee to go gibt, ist der Kommunismus als Utopie lächerlich geworden. Welch edleres Ziel will Mensch denn erstreiten, als jenes, einen Wegwerfbecher heißer Plörre durchs Straßenland tragen zu dürfen! Und wie muss man sich eine revolutionäre Barrikade auf der Warschauer Straße vorstellen - mit lauter VeganerInnen darauf, die Köterexkremente mit einem »Häufchen-Set« aufsammeln (bei e-bay!), Yoga machen bzw. Laternenmasten, Straßenbäume und Hydranten mit Wollresten einstricken?

Dabei brauchten wir nur hinzuschauen: Nahebei gibt es eine düstere, kalte, leere Welt, in der die Einsamkeit an den Seelen der Menschen nagt, wie Gilb, der alte Bücher frisst. Die Frauen und Männer, die in dieser Welt ausharren, sind stumm und scheu. Ein teuflisches Gelübde - mit keinem Menschen Umgang zu pflegen, der nicht wenigstens eine Million Euro im Jahr macht (früher sagte man »verdient«, doch das ist arg veraltet) - zwingt sie in die Isolation. Für ihre Geschäfte (früher sagte man »Arbeit«) verlassen sie die Wohnhöhlen durch Tiefgaragen, hocken in gekühlten Kaleschen hinter schwarzen Scheiben. Manchmal hebt ein Elevator surrend den Wagen sogar bis hinauf ins Penthouse; der bedauernswerte Mensch steigt aus und fällt direkt in die Designermöbel, neben denen eine sehr dünne, gut gekühlte Frau steht und mechanisch »Champagner, Liebling?« fragt.

So einem Menschen bin ich neulich begegnet. Es war an der Ecke Brunnen/Invalidenstraße, wo Berlin laut, dreckig, zugekackt und zugedönert ist. Er hatte den geheimen Tunnel in seine Tiefgarage verfehlt, was ihn zwang auszusteigen und mit seinen handgenähten Schuhen das Pflaster zu betreten. Er war fast blind vom Tageslicht und stammelte eine Adresse. Ich zog ihn um ein paar Ecken und durch ein paar Höfe, während er flüsterte: »Oh, was für eine laute, fremde Welt!«

Er heißt Semjon Semjonowitsch A., beruflich macht er Geld. Er ist klein und dürr, Mitte 30, aber sehr alt. Zum Dank für meine Hilfe wollte er mir seine Wohnung zeigen. Es öffnete sich eine stählerne Flügeltür und ein mit safranfarbenem Leder gepolsterter Fahrstuhl trug uns in die Wohnlandschaft Semjons, seiner dünnen, hochblonden Frau Martina (aus Luckenwalde) und eines verstörten, tischhohen weißen Hundes. Semjon sagte, die Wohnung habe ihn eine dreiviertel Million gekostet, die Wände ließen sich elektrisch verschieben, Martina auch, die riesigen Fenster würden sich einfärben, der Pool sei im Dachgarten, ein Soundsystem sorge für eine 24-stündige Wohlfühlmusik (er bevorzuge Chopin) und angenehme Kühlung mit einem Hauch Ozon in der Atemluft. Im Hygiene- und Saunabereich könne man ganze Tage mit den vergoldeten Wasserhähnen verbringen, die Gemälde seien echt, Martina auch, der Flügel sei sündhaft teuer, aber nur Dekoration. Dann schwieg er plötzlich, und wenn das Soundsystem nicht gewesen wäre, wären wir uns wie begraben vorgekommen.

Wir schauten noch vom Dachgarten. Überall in Mitte gibt es diese Dächer mit Pools, an denen, wenn die Sonne niedrig hängt, zwei untröstlich gelangweilte Menschen stehen und Richtung Fernsehturm gucken. Ich müsse jetzt aber gehen, sagte Semjon besorgt, die Gasse, in der ihre Wohnanlage liegt, würde abends abgeschlossen. Und tatsächlich - als ich gestern gegen Mitternacht dort vorbeiradelte, hörte ich die Schreie der Gefangenen.

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