Von Tim Fiege
16.08.2012

Zufluchtsort Jenseits

Lionel Shriver: »Dieses Leben, das wir haben«

Shepherd hat einen Traum. Spätestens mit fünfzig wird er das Leben als selbstständiger Handwerker in den USA gegen das eines Privatiers auf einer exotischen Insel eintauschen. Seit er als Jugendlicher in Kenia erfahren hat, wie man mit geringen Mitteln zufrieden sein kann, ließ ihn dieser Wunsch nicht ruhen.

Dass er ihn je wahr macht, traute ihm indes niemand zu. Auch seine Frau Glynis nicht, die er früh eingeweiht hatte. Schließlich scheint der Tag gekommen. Shepherd verkauft seine kleine New Yorker Firma »Allrounder« und streicht eine sechsstellige Summe ein. Damit ließe es sich für ihn, Glynis und ihren gemeinsamen Sohn Zachary auf der ostafrikanischen Insel Pemba bis ans Lebensende gut auskommen. Auf Pemba war die Wahl gefallen, nachdem vor allem Glynis auf den jährlichen »Recherchereisen ins Jenseits« einen Zufluchtsort nach dem anderen verworfen hatte. Als Shepherd Glynis den Umschlag mit den drei Flugtickets vor die Nase hält, kommt es zum Streit. Sie kann ihm die Flucht von der amerikanischen an die afrikanische Ostküste erst ausreden, als sie ihm ihre Krebsdiagnose »beichtet«.

Bereits zum Ende des ersten Kapitels nimmt der neue Roman der amerikanischen Schriftstellerin Lionel Shriver diese dramatische Wendung. Statt im ersehnten »Jenseits« vor einem Holzhaus zu sitzen und bei einem kühlen Drink den Sonnenuntergang zu genießen, muss Shepherd Glynis' Siechtum begleiten.

»Dieses Leben, das wir haben« ist jedoch bei weitem nicht der »Selbsterfahrungsbericht« eines Krebspatienten. Es ist die tief berührende Geschichte eines Mannes, den ein Schicksalsschlag an der Realisierung seines Lebenstraumes hindert. Liebevoll begleitet er stattdessen seine Frau zu Chemotherapien, umsorgt er sie und bezahlt die horrenden Rechnungen, die den Erlös aus dem Verkauf der Firma innerhalb weniger Monate verschlingen.

Lionel Shriver erzählt von dieser nicht enden wollenden Pechsträhne mit umwerfender Sprachgewalt. Ihre detaillierten Schilderungen von Krankheitsverlauf und Gesundheitssystem zeugen von gründlicher Recherche. Die faszinierenden Dialoge lassen auf große Menschenkenntnis und übersprudelnde Fantasie der Autorin schließen. Ohne ihren zum Teil absurden Humor ließe sich Sheps Unglück für den Leser wohl kaum verkraften. Herrlich zynisch sind die Passagen, in denen sich die immer zerbrechlicher werdende Glynis gegen die angedrohten Besuche naher und ferner Angehöriger wehrt, die sich nach Jahren des Schweigens ihres schlechten Gewissens entledigen wollen.

Eindringlich und beklemmend beschreibt Shriver den (amerikanischen) Klinikalltag. Ergreifend ist die Szene, in der Shep seinen Vater nach dessen Sturz im Pflegeheim besucht. Als er ihn zur Begrüßung berührt, erschrickt er über die Schmächtigkeit seines Dads. - Als Leser wünscht man Shepherd, dass er irgendwann doch den Herbst seines Lebens Papayas mampfend und Kanus schnitzend auf Pemba verbringen werde. Aber man ahnt während der fesselnden Lektüre, dass der großen Stilistin Lionel Shriver ein nahe liegendes Happy End zu kitschig erscheinen musste.

Lionel Shriver: Dieses Leben, das wir haben. Roman. Aus dem Amerikanischen von Monika Schmalz. Piper Verlag. 544 S., geb. 19,95 €.

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