Von Reinhard Schwarz
17.08.2012

Makel Stadtteilschule

Hamburgs Eltern schicken ihre Sprösslinge lieber aufs Gymnasium

Das deutsche Schulsystem befindet sich im Umbau. In einigen Bundesländern kann mittlerweile in den zusammengelegten Haupt- und Realschulen das Abitur nach 13 Jahren erworben werden. In Hamburg heißen diese Bildungsstätten Stadtteilschulen. Doch standesbewusste Eltern schicken ihre Kinder weiter lieber aufs Gymnasium.

Sackgasse Stadtteilschule? In Hamburg wird weiterhin über das sogenannte Zwei-Säulen-Modell gestritten. Das gleichberechtigte Nebeneinander von Stadtteilschule und Gymnasium sei gescheitert, erklärte Dora Heyenn, Fraktionschefin der Hamburger Linksfraktion in der Bürgerschaft: »Das Versprechen des SPD-Senats, mit Bildung gegen die Armut vorgehen zu wollen, entpuppt sich als bloße Worthülse. Hamburgs Stadtteilschulen entwickeln sich zurück zu Haupt-, Real- und Sonderschulen.« Die Stadtteilschulen ersetzen in der Tat die früheren Haupt- und Realschulen, aber auch die Gesamtschulen und sollen in 13 Jahren zum Abitur führen, während die Gymnasiasten diese Prüfung nach zwölf Jahren ablegen müssen.

Die Stadtteilschule - so der politische Wille - soll eigentlich gleichberechtigt neben dem Gymnasium stehen. Doch die Zahlen sprächen eine andere Sprache, sagt Dora Heyenn: »Fast alle SchülerInnen mit Gymnasialempfehlung werden auch ein Gymnasium besuchen, für die Stadtteilschulen bleiben nur sieben Prozent.« Umgekehrt, so Heyenn, »werden 76 Prozent der Schülerinnen und Schüler ohne Gymnasialempfehlung die Stadtteilschule besuchen, aber nur 24 Prozent das Gymnasium. In den Stadtteilschulen sind kaum noch Schülerinnen und Schüler mit Gymnasialempfehlung zu finden.« Anders gesagt: Die Stadtteilschulen werden wieder zu dem, was früher die Haupt- und Realschulen waren, nämlich zur Rest-Schule.

Grundsätzlich bestreitet niemand diese Zahlen, doch um deren Interpretation wird unter Hamburgs Schulpolitikern heftig gerungen, zumal jede Partei sich das wahlrelevante Thema Bildung auf die Fahnen geschrieben hat. Zwar würden mehr Eltern ihre Kinder der Jahrgänge 5 beim Gymnasium anmelden, räumt Lars Holster, SPD-Fachsprecher für Schule, ein, aber: »Ab Jahrgang 7 wendet sich das Blatt mit den Rückläufern vom Gymnasium zur Stadtteilschule.« Denn ab der siebten Klasse können Schüler auf Hamburger Gymnasien nicht mehr sitzen bleiben, deshalb findet die große Auslese nach der sechsten Klasse statt. Viele hundert Gymnasiasten müssen dann auf die Stadtteilschule wechseln. Holster: »Ich würde mir auch wünschen, dass sich mehr Eltern für die Stadtteilschule für ihre Kinder entscheiden, zumal diese die klare Perspektive haben, dass ihr Kind in 13 Jahren das Abitur absolviert.« Den Vorwurf der Linkspartei will er nicht hinnehmen: »Die Bildungschancen erhöhen sich, wenn Schüler mit unterschiedlichen Bildungsvoraussetzungen gemeinsam an Stadtteilschulen unterrichtet werden, zumal es sich um heterogene Lerngruppen handelt, die es am Gymnasium nicht gibt.«

Grünen-Schulpolitikerin Stefanie von Berg geht die Kritik Heyenns ebenfalls zu weit: »Ich warne davor zu sagen, die Stadtteilschule sei gescheitert. Sie ist es nicht, droht aber zu scheitern.« Während die früheren Gesamtschulen, die nun ebenfalls zu Stadtteilschulen geworden sind, »sehr stabil aufgestellt sind«, hätten die ehemaligen Haupt- und Realschulen Probleme. »Das liegt daran, dass den einstigen Haupt- und Realschulen durch den Wegfall der Primarschule zwei Jahre Vorbereitungszeit fehlen.« Die sechsjährige Primarschule sollte die vierjährige Grundschule ersetzen, die Reform scheiterte aber 2010 an dem erfolgreichen Volksentscheid der konservativen Initiative »Wir wollen lernen«. Von Berg zufolge hätten die früheren Gesamtschulen »sich schon vorher auf das gemeinsame Lernen von leistungsschwachen und -starken Schülern konzentriert«.

Eine weitere Kritik der Linkspartei bezieht sich auf die Umsetzung der Inklusion an Hamburger Schulen. Kinder, die früher eine Sonderschule besuchten, haben seit 2010 das Recht, allgemeine Schulen zu besuchen. Doch die Last sei ungleich verteilt, so Dora Heyenn: »Fast alle Kinder (98 Prozent) mit sonderpädagogischem Förderbedarf werden auf die Stadtteilschulen gehen, die Gymnasien bleiben hiervon weitgehend ›verschont‹. Die Stadtteilschulen müssen die Inklusion allein meistern.« Zwar behauptet Schulsenator Ties Rabe (SPD) in einer Erklärung: »Hamburg bekommt bundesweit die beste Ausstattung für die Inklusion.« Doch Schulleiter und Lehrer klagen über mangelnde Ressourcen bei der Umsetzung. Eine Kritik: Die Schulbehörde setze statt teurer, hoch qualifizierter Sonderschullehrer lieber kostengünstige Sozialpädagogen ein.

Inklusion fordert den Pädagogen mehr ab. Sie müssen sich mit Fragen auseinandersetzen, die bisher für sie kein Thema waren. Dazu gehört zum Beispiel Inkontinenz bei bestimmten behinderten Kindern. »Was mache ich mit Kindern, die in die Hose kacken?«, fragt sich eine weibliche Lehrkraft. Betreuungsschlüssel würden wenig über die realen Probleme aussagen. So könnten allein zwei bis drei verhaltensgestörte Kinder in einer Klasse den Unterricht sprengen, sagte ein Pädagoge während einer Anhörung im Schulausschuss der Hamburgischen Bürgerschaft im April dieses Jahres. Über die Sorge für die Schüler dürften die Pädagogen nicht vergessen werden, da diese nun ganz anderen Stressanforderungen ausgesetzt seien, heißt es aus Lehrerkreisen. So sei etwa eine Burnout-Prophylaxe (Vorbeugung) nötig. Die Idee der Inklusion sei grundsätzlich gut und begrüßenswert, sagt eine Lehrerin, die nicht namentlich genannt werden möchte: »Doch dann müssten die Schulen auch finanziell und personell entsprechend ausgestattet werden.«

Ein zweigliedriges Schulsystem, in dem an jedem Schultyp das Abitur erworben werden kann, gibt es neben Hamburg nur noch in Berlin und Bremen. In der Hauptstadt wird die Hochschulreife seit dem Schuljahr 2010/11 am Gymnasium (12 Schuljahre) und an der integrierten Sekundarschule, die alle Schulabschlüsse einschließlich der Hochschulreife (13 Schuljahre) anbietet, erworben. In Bremen heißt dieser Schultyp Oberschule. nd

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