Von Reinhard Renneberg, Hongkong, und JoJo Tricolor, Cherville
18.08.2012
Biolumne

Mein TV-Herzinfarkt (2)

1
Zeichnung: Chow Ming

Im ersten Teil (nd vom 4.8.2012) wurde beschrieben, wie der Biolumnist RR eines Nachts alle klassischen Symptome eines Herzinfarkts bekommt, sich selbst testet und tatsächlich einen Herzinfarkt feststellt. Plötzlich kommt doch die Angst: »Oh mein Gott, ich muss sofort ins Krankenhaus! Lebensgefahr!« Die Regel ist klar: Wenn die Symptome da sind, sofort den Arzt rufen! Zeit rettet Herzmuskel und damit Leben! Erst danach selbst testen!

Gerade habe ich aus purer Forscherneugier gegen diese Regel verstoßen. Etwas zittrig wähle ich den Notruf 999. Besetzt! Endlich, nach dreimaliger Wiederholung, meldet sich eine sehr beruhigende chinesische Frauenstimme. Ich sage »Heart attack!« und meine Uni-Koordinaten auf Englisch und Kantonesisch durch, schnappe den Hongkonger Personalausweis und den lebensrettenden Herz-Test. Endlose zehn Minuten später erscheint die Ambulance mit Sirene und Blaulicht. Fenster in meiner Appartmentanlage öffnen sich. Kollegen rufen: »Hey, Reinhard! Are you okay?« »Hai! Don’t worry!« (Ja! Bestens!)

Der Weg in die Klinik dauert weitere zehn Minuten. Geschafft! Doch in der Notaufnahme ist kein Arzt zu sehen, nur ein aufgeregter chinesischer Student. Es ist Sonntag drei Uhr morgens. Die Ärzte des staatlichen Tseung-Kwan-O-Hospitals in Hongkong schlummern offenbar friedlich zu Hause. Eine Ballon-Katheder-Behandlung durch einen Kardiologen fällt also aus.

Ich gestikuliere auf Englisch und Kantonesisch: »Ich bin Professor Renneberg von der HKUST! Mein Herz-Test zeigt: 100 Prozent Infarkt! Habt Ihr tPA?« Der sogenannte tissue plasminogene activator (tPA) ist ein gentechnisch hergestelltes Enzym, das Thromben auflöst, ohne Operation. Der arme Student nickt eifrig: »Ja, aus Deutschland, sehr teuer. Muss Chef entscheiden!«

Ich werde energisch: »Ruf ihn sofort an! Ich rede morgen mit ihm!« Der Eingeschüchterte schließt den Kühlschrank auf und injiziert mir das teure tPA. Mein Kommandieren hat die klassische Routine mit Elektrokardiogramm (EKG) missachtet, das wird nun nachgeholt. Das EKG gibt mir recht, es war ein kleiner Infarkt.

Chefarzt Dr. Wu begrüßt mich am Vormittag wie einen lang vertrauten Kollegen: »Herr Kollege! Ihr FABP-Test hat Ihnen wohl das Leben gerettet. Congratulations!«

Vor meinem geistigen Auge tauchen berühmte Selbstversuche der Medizingeschichte auf: Werner Forßmann z. B. führte sich selbst 1929 einen Herzkatheter ein (Nobelpreis 1956). Der Australier Barry Marshall infizierte sich mit Helicobacter pylori und heilte die Magenentzündung mit Antibiotika (Nobelpreis 2005).

18 Jahre Forschung tragen nun Früchte und haben auch dafür gesorgt, dass Sie, liebe Leserin, lieber Leser, heute diese Biolumne lesen können. Danke FABP!

Lesen Sie Teil 3 in zwei Wochen.

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