Von Anouk Meyer
18.08.2012

Kritisches Tanzen

Das Off-Festival Dance@Summer sieht sich als Ergänzung zu etablierten Veranstaltungen

Bei den großen Kultursommern in Avignon oder Edinburgh trägt das Programm der Off-Szene schon lange maßgeblich zur besonderen Atmosphäre bei. Nun hat auch Berlins »Tanz im August« ein Alternativprogramm: Zum ersten Mal veranstaltet der Verein Li:chi vom 18. bis 25. August das Festival Dance@Summer - Zeitspuren am Ufer.

Gegründet haben den Verein die Tänzerin und Choreographin Oxana Chi und die Filmemacherin, Autorin und Politologin Layla Zami, um ein Netzwerk für ihre Projekte aufzubauen. Für ihr Tanzfestival haben sie mit dem Circus Schatzinsel am May Ayim-Ufer in Kreuzberg einen wunderschönen Ort gefunden - eine ruhige, grüne Oase mitten im Großstadttrubel. Normalerweise üben im rot-weiß gestreiften Zirkuszelt Kinder neue Kunststücke ein, doch für das Tanzfestival hat der Li:chi-Verein den Platz gemietet und zeigt dort Tanzperformances, Lesungen, Gespräche.

Die beiden Hauptakteurinnen sehen ihr Event nicht als Konkurrenz zum »Tanz im August«, sondern als Ergänzung: »Es muss mehr Vielfalt geben«, fordert Oxana Chi, die hofft, dass 2013 auch andere Gruppen Zusatzprogramme auf die Beine stellen. Mit ihren Performances, immer zu Live-Musik, will sie Grenzen sprengen und die Menschen zum Nachdenken anregen. Als Deutsche mit nigerianischen Wurzeln hat sie einen speziellen und differenzierten Blick auf Sprache, europäische Geschichtsschreibung und auf die afrikanischen Kulturschätze, die in hiesigen Museen gezeigt werden. »Vieles müsste man den Menschen dort zurückgeben«, meint sie, damit die nicht extra nach Europa reisen müssen, um einen Blick in die Vergangenheit des eigenen Kontinents zu werfen.

Ihre Tanzperformance »Neferet iti (Nofretete)«, mit der das Festival eröffnet wird, beschäftigt sich mit dieser Thematik, wenn auch auf witzige Weise. Begleitet von der brasilianischen Percussionistin Débora Saraiva und dem koreanischen E-Gitarristen und Oud-Spieler Sung Jun Ko, gibt Oxana Chi die schöne Pharaonin, die eines Tages als Büste im Museum erwacht und versucht, die Reise von Ägypten nach Berlin nachzuvollziehen. Hip-Hop, Ballett, afrikanische und orientalische Tanzelemente verschmelzen bei diesem abstrakten Märchen zu einer Tanzsprache, die Oxana Chi »Fusion« nennt. »Die Leute haben immer wahnsinnig gute Laune, wenn ich getanzt habe!«, erzählt die 46-Jährige, die mindestens zehn Jahre jünger aussieht, selbstbewusst. (»Nofretete« am 18./24./25.8. um 19 Uhr, 19.8. 16 Uhr).

In der szenischen Lesung von Layla Zami geht es ebenfalls um eine starke Frau - um die ghanaisch-deutsche Schriftstellerin und Aktivistin May Ayim, nach der das ehemalige Gröbenufer umbenannt wurde. Zami, mit karibisch-indischer Mutter und deutsch-jüdischem Vater in Paris aufgewachsen, und die vor allem im Osten bekannte Schauspielerin Suheer Saleh lesen und spielen die zeitlos-aktuellen Gedichte und die bewegte Geschichte der bei einer Pflegefamilie in Nordrhein-Westfalen aufgewachsenen Afrodeutschen, die sich mit 36 Jahren das Leben nahm (19.8., 16 Uhr).

In der zweiten Tanzperformance »Das Meer hinter der Mauer« vergleicht die kubanische Schauspielerin und Tänzerin Ana Kavalis ihre Heimatstadt Havanna mit dem geteilten Berlin. Per Videos und Soundinstallationen vermischen sich im Zirkuszelt kubanische und deutsche Hauptstadt. Ein Interview von Oxana Chi mit der Aktivistin Daniele Daude (»Blackfacepalm«, 18.8. nach der Performance), eine Party am 24.8. und ein Sprach- und Bewegungsworkshop (26.8., 14-18 Uhr) in der Gladt Summerschool vervollständigen das Programm.

18.-25.8., Circus Schatzinsel, May Ayim Ufer 4

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