Von Bernward Janzing
20.08.2012

Viel Wind, wenig Kabel

Konzern Tennet bekommt Offshore-Anlagen nicht fristgerecht ans Stromnetz

Dem niederländischen Staatskonzern Tennet könnten Schadenersatzforderungen in Millionenhöhe wegen erheblicher Verzögerungen bei der Anbindung von Offshore-Windparks an das Stromnetz drohen.

Als Tennet im Jahr 2010 das Hochspannungsnetz von E.on erwarb, unterschätzte der Konzern offenbar das Thema Offshore-Windkraft. Zu dem übernommenen Netzgebiet, das 10 700 Kilometer Leitungen an Land umfasst, gehört nämlich auch die Nordsee - und damit die Verantwortung für die Verkabelung der Windparks.

Rund sechs Milliarden Euro hat Tennet bisher investiert, weitere 15 Milliarden Euro sind veranschlagt, um alle geplanten Rotoren anzubinden. Nun ist dieses Geschäftsfeld grundsätzlich attraktiv, weil Investitionen auf die Netzentgelte, die die Stromversorger bezahlen müssen, umgelegt werden. Die Bundesnetzagentur, die für die Netzentgeltgenehmigung zuständig ist, gewährt dann eine Rendite auf das Eigenkapital von rund neun Prozent. So risikoarme Erträge gibt es selten. Gleichwohl ist Tennet mit dem Projekt überfordert, denn das Investitionsgeld muss die Firma erst einmal haben.

Und daran hängt es. Bereits im Februar hatte das Unternehmen erklärt, den Umfang der Investitionen nicht alleine stemmen zu können. Die Firma setzte daher die Idee von einer Deutschen Gleichstrom-Netzgesellschaft in die Welt, an der sich die anderen Übertragungsnetzbetreiber beteiligen könnten. Tennet sei »bereit, sein Know-how und seine jahrelange Erfahrung aus diesen Bereichen als Anteilseigner in die neue Gesellschaft einzubringen«, ließ das Unternehmen wissen. Doch die anderen Übertragungsnetzbetreiber zeigten wenig Interesse. So wurde das Thema zum Bremsklotz beim Windparkausbau. Weil Tennet nur langsam vorankommt, gehen von der Genehmigung der Parks bis zur Fertigstellung des Anschlusses oft 45 bis 50 Monate ins Land. Die von der Bundesnetzagentur festgelegte Frist von maximal 30 Monaten wird so deutlich überschritten und mitunter die gesamte Finanzierung eines Projektes über den Haufen geworfen.

Um in Zukunft zu verhindern, dass Investoren und Betreiber der Windparks in den Ruin getrieben werden, brachte das Bundeswirtschaftsministerium kürzlich neue Haftungsregeln in die Diskussion, womit die Betreiber Anspruch auf Entschädigung durch den Netzbetreiber bekommen sollen. Bei nicht rechtzeitiger Anbindung solle ein Offshore-Windpark ab dem 11. Tag »einen pauschalierten Schadensersatz in Höhe von 90 Prozent der entgangenen Einspeisevergütung erhalten«, hieß es im Juli in einem Eckpunktepapier. Doch eine Entschädigung kann nur eine Notoption sein. Denn am beschleunigten Ausbau der Anschlüsse geht kein Weg vorbei, wenn Deutschland seine Windkraftziele auf See fristgerecht erreichen will. Diese sehen den Aufbau von 11 000 Megawatt Offshore-Windkraft bis 2020 vor. Doch bisher sind gerade mal 52 Offshore-Anlagen mit 200 Megawatt am Netz - gegenüber bald 23 000 Anlagen an Land mit zusammen 30 000 Megawatt.

Die Investoren werden inzwischen unruhig. Als erstes Unternehmen beantragte der schwäbische Windparkentwickler Windreich vor wenigen Tagen bei der Bundesnetzagentur ein Missbrauchsverfahren gegen Tennet wegen erheblicher Verzögerungen bei einem seiner Projekte. Schadensersatz in Millionenhöhe könnte Tennet drohen. Das löst aber nicht das eigentliche Problem. Grundsätzlich ist Tennet als hundertprozentiges niederländisches Staatsunternehmen zwar ein solventer Schuldner, könnte also in großem Umfang Kredite für einen Ausbau der Seekabel aufnehmen. Aber der niederländische Staat will sich nicht für die deutsche Energiewende verschulden.

Seit dem vergangenen Donnerstag jedoch rückt eine Lösung näher: Die Niederlande haben erklärt, sie hätten keine Einwände, wenn der deutsche Ableger des Staatskonzerns Privatinvestoren akquiriere, um die Anschlüsse fristgerecht zu realisieren. Versicherungen und institutionelle Anleger sollen bereits Interesse bekundet haben. Einen Einstieg des deutschen Staates, etwa über die KfW-Förderbank, bezeichnete Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler unterdessen als »Ultima Ratio«, den allerletzten Ausweg.