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Von Karlen Vesper
20.08.2012

Kommunist, Kardinal, Kollegen

Gefangen im System

Nach Budapest geschickt wurde ich von der Zeitung, um mich kundig zu machen, wie im Bruderland, der sozialistischen Volksrepublik Ungarn, der 140. Jahrestag der bürgerlich-demokratischen Revolution von 1848/49 begangen werde. Doch dem mich begleitenden Geschichtsredakteur der Bruderzeitung »Népszabadság« stand nicht der Sinn danach, mir zu berichten, wie die Magyaren, als sie noch zur österreichischen k. u. k. Monarchie gehörten, sich gegen nationale Bevormundung auflehnten, für die Aufhebung der Zensur und für Pressefreiheit stritten. Entgegen meine Erwartungen berichtete er mir nicht von Leben und Kampf des ruhmreichen Lajos Kossuth, der nach der blutigen Niederschlagung der ungarischen Revolution durch österreichische und russische Truppen knapp ins Exil flüchten konnte und so dem Schicksal der Gefährten entging, die im Oktober 1849 massakriert wurden.

Der Redakteur des ungarischen Partei- und Regierungsblattes erzählte statt dessen mit zornig-bebender Stimme von László Rajk, der - hundert Jahre später - im Oktober 1949 in Budapest hingerichtet wurde. Nachdem ein auf Stalins Geheiß und nach Berijas Drehbuch inszenierter Schauprozess den Kommunisten und Spanienkämpfer als »imperialistischen Agenten« und »Titoisten« verunglimpft hatte. Rajks Schicksal wie das seiner - nicht nur in Budapest, auch in Prag, Sofia, Tirana - angeklagten Genossen war mir natürlich bekannt. Und doch brannten mir die Ohren. Die Offenheit und der Eifer, mit der hier ein Parteijournalist sich einer ihm fremden Vertreterin eines anderen Parteiorgans anvertraute, überraschte. So schonungslos und aufrichtig war die Kritik am Stalinismus und dessen Verbrechen in der DDR längst noch nicht.

Der Kollege kam dann auf einen anderen Fall zu sprechen, der ihn innerlich offenbar nicht minder bewegte und erregte - auf József Mindszenty. Ein katholischer Geistlicher und strammer Antikommunist, der schon in der ungarischen Räterepublik unter Béla Kun einige Monate hinter Gittern saß und Ende 1947 erneut verhaftet wurde. Der Bischof wurde in einem Schauprozess wegen angeblichen Umsturzversuches, Spionage und Devisenvergehens (hic!) zu lebenslanger Haft verurteilt. Er hatte die Unterdrückung der Kirchen durch »die« Kommunisten beklagt und Übergriffe der Roten Armee angeklagt. Während des Aufstandes 1956 aus seinem Gefängnis in Felsőpetény befreit, floh er beim Einrollen sowjetischer Panzer in die US-Botschaft in Budapest. Dort blieb er ein »Gefangener« über 15 Jahre. Der Kardinal geriet zu einem Streitobjekt der Propagandaschlacht der Systeme im Kalten Krieg - bis sein Fall im Zuge begonnener Entspannungspolitik als eher störend empfunden wurde. Nach Geheimverhandlungen zwischen Washington, dem Vatikan und Budapest (wobei der Kreml sicher mit von der Partie war) wurde er gegen seinen Willen 1971 nach Wien ausgeflogen.

Bei Julian Assange, dem mutigen Enthüller, liegt der Fall zwar etwas anders, doch droht auch ihm, Opfer von politischer Willkür und machtpolitischem Kräftemessen zu werden. Den Enthüllungen meines Budapester Kollegen verdankte ich übrigens, dass ich, wieder in Berlin, nicht eine Zeile über die 48er Revolution in Ungarn schreiben konnte. Karlen Vesper

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