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Von Wolfgang Bittner
20.08.2012

Unantastbar

Beschneidung und Verfassungsrecht

In der Debatte um die Beschneidung von Jungen berufen sich die Befürworter, zumeist Männer, auf die Religionsfreiheit, auf die Tradition, religiös-rituelles Brauchtum und sogar auf Gott. Übersehen wird zumeist, dass in Deutschland Gesetze gelten, die einer Beschneidung von Jungen - wie übrigens auch von Mädchen - eindeutig entgegenstehen.

Zum einen gewährleistet das Grundgesetz in Artikel 2, Absatz 2 die körperliche Unversehrtheit jedes Menschen, also auch die von Kindern, im Geltungsbereich der Verfassung. Des Weiteren stellt das Strafgesetzbuch in Paragraph 223 die Körperverletzung unter Strafe. Das bedeutet, dass jeder medizinisch nicht indizierte Eingriff rechtswidrig ist. Insofern ist die Rechtslage eindeutig.

Zwar gewährleistet Artikel 4 des Grundgesetzes die Freiheit des Glaubens und des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses wie auch eine ungestörte Religionsausübung, aber diesen Rechten geht allein schon von der Bedeutung des Artikels 2 und auch von der Systematik des Grundrechtskatalogs das Individualrecht auf körperliche Unversehrtheit vor. Daher hat das Kölner Landgericht in seiner Entscheidung vom 25. Juni 2012, wonach eine Beschneidung strafbar ist, entsprechend den Gesetzen der Bundesrepublik Deutschland richtig entschieden. Eine Bestrafung des Arztes erfolgte nur deshalb nicht, weil er sich in einem Verbotsirrtum befand; die bisherige Praxis der Beschneidung ist in Deutschland illegal.

Nun könnte nach ‚Artikel 2, Absatz 2 des Grundgesetzes in das verfassungsmäßig verbürgte Recht auf körperliche Unversehrtheit mit einem durch den deutschen Bundestag zu beschließenden Gesetz für die Zukunft eingegriffen und die Beschneidung für rechtens erklärt werden. Das jedoch wäre ein Rückfall in mittelalterliche Verhältnisse. Im Übrigen stünde das dem zentralen Gebot unserer Rechtsordnung, das im ersten Satz des Grundgesetzes Ausdruck findet, entgegen: »Die Würde des Menschen ist unantastbar.« Zur Würde gehört, dass ohne seine Einwilligung oder ärztliche Indikation keine Verletzung eines Körpers vorgenommen werden darf.

Das ist die verfassungsrechtliche Seite des Beschneidungsproblems. Hinzu kommt aber noch die persönlich-menschliche Seite. Man stelle sich vor, dass ein sieben- oder achtjähriger Junge mit entblößtem geschwollenem Penis auf dem Sofa sitzt, begutachtet von zahlreichen männlichen und weiblichen Verwandten, wie es in vielen muslimischen Familien üblich ist. Es ist die Frage zu stellen, welche Auswirkungen ein derartiger Vorgang auf die Psyche eines Kindes hat. Auf die Idee, das Geschlecht von Mädchen in dieser Weise zur Schau zu stellen, sind bisher selbst fundamentalistische Verfechter der Beschneidung nicht gekommen.

Des Weiteren ist die Frage nach den sozial-psychologischen Auswirkungen der Vorhautentfernung zu stellen. Was spielt sich da ab, wenn der Penis derart in den Mittelpunkt des kindlich-männlichen Lebens gestellt wird? Es dürfte wohl kaum zu bestreiten sein, dass diese Dominanz des männlichen Geschlechtsorgans Auswirkungen auf das zukünftige Verhalten hat - mit Sicherheit in keiner positiven Hinsicht, was den Umgang mit Frauen angeht.

Über weitere Auswirkungen körperlicher wie psychischer Art von Genitalmanipulationen liegen fachlich-seriöse Stellungnahmen von Medizinern und Psychologen vor, die für sich sprechen, und zwar nahezu einhellig ablehnend und warnend. Das gilt für die Beschneidung bereits älterer Kinder wie auch für die bei Säuglingen.

Fazit: Die Beschneidung von Jungen ist im Geltungsbereich deutschen Rechts nicht erlaubt und unter Strafe gestellt. Das kann in anderen Staaten anders gehandhabt werden - in Deutschland ist die Rechtlage bislang eindeutig, und so sollte es bleiben. Hier darf niemand mehr körperlich gezüchtigt, gesteinigt oder sonstiger körperlicher Malträtierung ausgesetzt werden. Das ist Verfassungsrecht und Kulturstandard.

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