Von Tom Strohschneider
20.08.2012

Im Bewerberfeld

Sechs Grüne gehen ins Rennen um die Spitzenkandidatur

Urwahl? Doppelspitze? Teamlösung? Anfang September wollen die Grünen auf einem Länderrat das Verfahren zur Findung ihrer Spitzenkandidaten für die kommende Bundestagswahl beschließen. Nun haben auch die Realos zwei Bewerberinnen ins Rennen geschickt - dessen Ausgang ist offen.

Wenn Hermann Gröhe dieser Tage an SPD und Grüne denkt, kommt meist ein Witz über deren Personaldebatten heraus: »Zur roten Troika gesellt sich nun auch noch eine grüne Quadriga«, frotzelte der CDU-Generalsekretär am Sonntag. »Bald kann die Opposition eine ganze Fußballmannschaft der Möchtegern-Spitzenkandidaten aufstellen.« Das gilt vor allem für die Grünen: Nach Claudia Roth, die bereits im März ihren Hut in den Ring geworfen hatte, und zwei Basis-Politikern, sind letzte Woche drei weitere Spitzen-Grüne hinzu gekommen: Jürgen Trittin, Katrin Göring-Eckardt und Renate Künast.

Am 2. September soll ein Länderrat darüber entscheiden, wie die Grünen aus den Bewerbern ihre Spitzenkandidaten finden. Die Parteivorsitzende Roth hatte frühzeitig eine Urwahl ins Spiel gebracht, in der sie sich selbst ganz gute Chancen ausrechnen darf. Eine Doppelspitze mit dem zwar ebenfalls dem linken Flügel zugerechneten Fraktionschef Trittin war den Realos nach anfänglichem Zögern dann offenbar doch eine zu große Zumutung.

Dass nun mit Göring-Eckardt und Künast gleich zwei Reala mit um die Spitzenkandidatur kämpfen, erhöht im Falle einer Basisabstimmung jedoch nicht unbedingt deren Chancen. Weshalb nun auch die Idee eines größeren Teams wieder ins Spiel gebracht wurde. Dass es tatsächlich zu einer anderen Lösung als der Urwahl zu einer Doppelspitze kommt, gilt aber als unwahrscheinlich. Immerhin haben ein Länderrat und der Vorstand sich bereits auf ein quotiertes Duo festgelegt - eine Revision würde nicht nur die Basis verärgern, der die Mitsprache versprochen war. Es würde auch das öffentliche Bild der Grünen ankratzen.

Ohnehin glauben manche in der Partei schon jetzt, dass die K-Diskussion vor allem als Selbstbeschäftigung wahrgenommen wird und damit schadet. Zuletzt standen die Grünen in Umfragen bei 13 bis 14 Prozent - zehn Punkte niedriger als bei ihrem Hoch im vergangenen Jahr. Der Aufstieg der Piraten schlägt sich im Rückgang genauso nieder wie die fehlende Aussicht auf ein realistisches Gegenmodell zur schwarz-gelben Regierung. Rot-Grün fehlt es bisher deutlich an Zustimmung, über Schwarz-Grün denken nach den eher schlechten Erfahrungen selbst die Realos nicht mehr offen nach. Und eine Kooperation mit der Linkspartei hat derzeit auch niemand mehr wirklich auf dem Radar. Allenfalls unter linken Grünen hält sich noch der Wunsch nach Rot-Rot-Grün.

Robert Zion vom NRW-Landesvorstand hält die Variante »aus politischen, konzeptionellen, ökonomischen und sozialen Gründen« hoch. Anders, so Zion, werde es einen echten »Politikwechsel, ein Mitte-Unten-Bündnis in der Gesellschaft« nicht geben. Peter Alberts, Sprecher des Kreisverbandes Münster, warnte die Grünen unlängst vor »Beliebigkeit« nach dem Motto »nicht links, nicht rechts - sondern vorn.« Wer eine »Alternative für den notwendigen sozial-ökologischen und emanzipatorischen Umbau der Industriegesellschaft« darstellen wolle, dürfe »Alternativ-Sein nicht nur behaupten«. Genau diesen Eindruck aber haben die Grünen allzu oft hinterlassen, findet auch das Berliner Partei-Urgestein Hans-Christian Ströbele. Es sei die »Unterscheidbarkeit von der Regierung, an der es den Grünen in der Vergangenheit immer wieder fehlte: bei Entscheidungen über Kriegseinsätze der Bundeswehr, beim Ja zu den Hilfspaketen für Griechenland und den milliardenschweren Rettungsschirmen für Banken«, schrieb der Parteilinke seinen Grünen ins Stammbuch.

Programmatisch haben sich die Mehrheits-Grünen zumindest ehrlich gemacht: mit einem Prioritäten-Papier, das Ziele für eine mögliche Regierungsbeteiligung aufführt. Die Liste hat für Diskussionen gesorgt, schließlich rückt die Partei hier zum Teil von beschlossenen Forderungen ab, zum Beispiel was die Anhebung der Hartz-Regelsätze angeht. Andererseits führen die Grünen wie kaum eine andere Partei konzeptionelle Debatten, zuletzt etwa auf einem Sozialpolitischen Kongress in Berlin. Doch inhaltliche Akzentuierungen oder gar Weichenstellungen dringen in Zeiten eines Kandidatenrennens kaum an die Öffentlichkeit durch.

Roth und Künast? Roth und Trittin? Oder doch ein größeres Team mit Göring-Eckardt? Wenn Anfang September der Länderrat das Prozedere festgelegt hat, könnten die Spitzenkandidaten der Grünen bis zum im November geplanten Parteitag in Hannover feststehen. Ob sich bis dahin zu der von CDU-General Gröhe bespöttelten »Fußballmannschaft« noch weitere Spieler gesellen, steht dahin. Zwei Grüne, denen in Umfragen am ehesten Erfolgsaussichten bei Wahlen zugebilligt werden, stehen bisher jedenfalls gar nicht auf der Bewerberliste: Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann und Ex-Außenminister Joschka Fischer.

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