Von Hans-Dieter Schütt
22.08.2012

Hoch und hinaus

Julian Assange und der Balkon. Eine Zeitreise

Er schafft das. Er wie niemand sonst. Du fühlst plötzlich den Abgrund, den Sturz, und hinter dir scheint einer zu grinsen. Er, Thomas Bernhard. Wer sein Stück »Elisabeth II.« je sah oder las, wurde fortan, wenn er einen Balkon betrat, das mulmige Gefühl nicht los: Gleich bricht er ab, du rauschst aus der Welt.

In besagtem Schauspiel will in Wiens mondäner Ringstraße eine unangenehm spießige, gaffgierige, großbürgerliche Gesellschaft die englische Königin vorbeidefilieren sehen. Der überfüllte Balkon kracht schließlich in die Tiefe. Das österreichische Bosheitsgenie schuf somit den Warnungen ein gespenstisches Denkmal: Vorsicht vor einer sich sammelnden Menge! Hohe Ebenen sind klein - man teilt sie nicht mit anderen, und seien es Gleichgesinnte!

So hat Bernhard bewirkt, dass Jubelfeste auf berühmten städtischen Balkonen eine böse Ahnung von bröckelndem Stein und platzendem Beton auslösen: etwa am Rathaus auf dem Münchner Marienplatz, wo der FC Bayern oft die Meisterschale schwang. Trainer Giuseppe Trapattoni hat tatsächlich mal unnachahmlich über die Angst auf diesem Balkon gesprochen: »Es muss nicht sein, dass uns Gott auf diese Weise durchreicht auf den untersten Tabellenplatz.«

Balkon, das ist italienischer Herkunft, balcone, und Verwandtschaft besteht zum deutschen Wort »Balken«. Wasser hat keine, aber Balken am Haus bieten auch nicht viel Sicherheit, wenn man sie benutzt wie Bernhards Personnage. Der Balkon ist kein Ort für Vermassung, er ist ein Platz für Einzelwesen. Er ist eine Gelegenheit, sich hervorzutun, sich hervorzuheben; dort oben bekommt jeder Blick unweigerlich etwas Herablassendes, und das Aufblicken derer unten kann nicht vermeiden, immer etwas erbärmlich zu wirken.

Soeben hat Wikileaks-Gründer Julian Assange mit seiner Rede aus der ecuadorianischen Botschaft in London heraus ein neues Kapitel der balkonischen Bedeutsamkeitsgeschichte geschrieben. Sie ist lang, diese Geschichte. Kaiser Wilhelm II. hielt im Sommer 1914 zwei Balkonreden, die Deutschland wirklich in die Tiefe warfen, ja noch tiefer, in die Hölle des Krieges. Es war der gleiche Balkon, nämlich der des Berliner Stadtschlosses, von dem aus vier Jahre später Karl Liebknecht die sozialistische Republik proklamierte. Wenig erfolgreich. Am gleichen 9. November nutzte Philipp Scheidemann den Westbalkon des deutschen Reichstages, um weit kräftiger die erste deutsche Republik auszurufen. Der Balkon als Reliquie: Die DDR sprengte das Schloss zu Staub, aber jener Balkon, von dem Liebknecht sprach, zierte künftig das Staatsratsgebäude.

Der Balkon zog immer wieder Berufene, Größenberauschte an. Er, Bruder der Kanzel, wurde zur Stätte der Entschiedenen, aber er selber ist doch eher ein Bastard. Halb Haus, halb Straße, halb privat, halb öffentlicher Raum. Der Balkon ist die blanke Architektur des Grenzlandes. Die Rücksichtslosigkeit der Selbstpräsentation trifft sich mit den Einladungen für schnelle Rückzüge. Man tritt hinaus und kann doch jeden Moment, da etwas heraufgeflogen kommt, zurück ins schützende Zimmer.

Als das Bürgertum sich als Stand herausputzte, wollte auch die Villa sich sehen lassen und stülpte sich balkonprotzend nach außen. Bis der soziale Auftrag des Wohnens die Gefallsucht bremste. Solch Bremsvorgang dauert nur gewisse Zeiten, der Individualismus lässt sich durch keine kollektivistisch anmutende Wandglätte eindämmen. Am Ende verfügten ja auch die Plattenbauten über Landschaften, die man Balkonien nannte und die immer auch ein wenig ein Ersatz-Arkadien waren, mit Lampen aus Handwagenrädern. Reden hielt da niemand, eher bildeten diese Balkone das, was Günter Gaus die »Nischen« der klein-bürgerlichen Gesellschaft nannte. Manchmal treiben's Balkons gar zu bunt. Angesichts der überbordenden Geranien auf bayrischen Balkonen sprach Heiner Müller von der »Umweltverschmutzung als letztem Refugium des Menschlichen«.

»Staycation« heißt die gegenwärtig höchst eifrig protegierte Urlaubsart, die den Nischen wieder nahe kommt: daheimbleiben. Bei Andreas Dresen und Wolfgang Kohlhaase hieß das »Sommer vorm Balkon« und war heiteres Kino vor durchaus traurigen Hintergründen. Das Meer weit weg? Nein, ganz nah, ein paar Wohnungsschritte nur: die Badewanne. Der Balkon als Hochsitz der Bescheidenen, aber Klugen: Sie verwechseln Weltreise nicht mit Welterfahrung, die nämlich kann man in der kleinsten Hütte machen, im eigenen Gemüt.

So mancher trat auf den Balkon, um sich von der Öffentlichkeit zu verabschieden und wusste doch, dass die es zwar zur Kenntnis nimmt, aber nicht glaubt. Oskar Lafontaine gab seinen Abschied als SPD-Chef, Superminister und Saar-Napoleon, indem er, mit seinem Sohn huckepack, auf den Balkon seines Hauses trat und auf die Presse hinabgönnerte: »Macht mal eure Fotos. Und dann hätte ich gern, dass ihr uns in Ruhe lasst. Tschüs!«

Als politischer Untergrund ist der Balkon nicht fürs »Tschüs!« erfunden worden. Und man muss da nicht unbedingt nur an jenen üblen Österreicher denken, der auf dem Balkon der Wiener Hofburg »sein Volk« ans Reich anschloss und darin dessen »Rückkehr in die Geschichte« sah. Woran sich mancher Österreicher lange nicht erinnern konnte, obwohl damals rechte Grußarme wie dehnungsfähigste Gummibänder quasi hinauf bus zum Balkon schnellten. Als Lenin 1917 aus dem Exil heimkehrt, spricht er nachts vom Balkon des Petrograder Kscheschinskaja-Palastes. Eine Brandrede gegen den Liberalismus, auch gegen die noch immer kriegskämpfende russische Armee (neben Begeisterung auch Murren unter den zuhörenden Soldaten - er möge nur herunterkommen, sie würden's ihm schon zeigen).

John F. Kennedy warf sein Pfannkuchen-Bekenntnis »Ich bin ein Berliner!« zwar nicht unmittelbar vom Balkon des Schöneberger Rathauses in die Masse, aber ein Balkongefühl war schon da, und vielleicht hat sich der anwesende Willy Brandt später sehr geärgert, dass er als Kanzler in Erfurt bei den Grüßen an jubelnde DDR-Bürger nur ein Fenster zur Verfügung hatte.

Außenminister Genscher hatte mehr Glück. Vom Balkon der bundesdeutschen Botschaft in Prag rief er 4000 DDR-Flüchtlingen zu: »Wir sind zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise ...« Dann kam aus den Reihen derer, denen staatsoffiziell gefälligst keine Träne nachzuweinen sei, ein Freudenschrei, der Genscher stumm machte. So schön wurde noch nie einer zum Schweigen gebracht.

Hauptplatz Roms ist jener Balkon, von dem aus der Papst seine letztlich sehr geringe Nähe zum Himmel demonstriert. Aber auch sein Balkon wird nie die Berühmtheit jenes italienischen Balkons erreichen, der in Verona steht, Via Capello 23: berühmt geworden durch jenen Engländer, der für seine Lügen vom wahren Leben unsterblich wurde. Shakespeare, »Romeo und Julia«, zweiter Akt, zweite Szene. »Der Narben lacht, wer Wunden nie gefühlt.« Kein Balkon gebar je eine berührendere Szene. Sätze aus einer Tragödie, was sonst.

Ob Assange bei seiner Rede wusste, was Ecuadors Präsident Ibarra einst gerufen haben soll? »Gebt mir einen Balkon, und das Land gehört mir!« Er wurde fünf Mal Präsident. Der Balkon als Stufe für den Aufstieg. Deshalb gelangte sein Ruf bis zum Mount Everest. Dort heißt die gefährlichste Stelle vorm Gipfel: Balkon.

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