Von Gesa von Leesen, Stuttgart
23.08.2012

Tante Emma gibt nicht auf

Ex-Mitarbeiterinnen wollen Schlecker-Filialen genossenschaftlich neu eröffnen

Noch in diesem Jahr will ver.di Baden-Württemberg einstige Schlecker-Filialen als genossenschaftliche Nahversorgungsläden eröffnen.

In Baden-Württemberg erarbeiten ehemalige Schlecker-Frauen derzeit gemeinsam mit ver.di ein Konzept, um einst profitable Filialen der Drogeriekette als Dorfläden zu etablieren. Unterstützt werden sie von Bürgermeistern, kirchlichen Organisationen und der LINKEN. Zieht die grün-rote Landesregierung mit, hofft ver.di noch vor Weihnachten die ersten Läden eröffnen zu können.

»Ich habe mich innerhalb von 15 Minuten entschieden: Ich bin dabei.« Marina Juhrich, 59 Jahre alt, hat 17 Jahre lang in einer Schlecker-Filiale in Tamm bei Ludwigsburg gearbeitet. Nun ist sie wie die meisten der einstigen 25 000 Schlecker-Beschäftigten arbeitslos. 30 Bewerbungen hat sie geschrieben - erfolglos. Aber weil Marina Juhrich eine ist, die anpacken will, ist sie dabei, wenn in den kommenden Monaten aus früheren Schlecker-Filialen regionale Nahversorger entstehen.

Die Landesbezirksleiterin von ver.di in Baden-Württemberg, Leni Breymaier, erklärt die Grundlage: »Wir haben die Zahlen von jedem Laden, und da sind einige darunter, die richtig guten Umsatz gemacht haben.« Ver.di-Sekretärin Christina Frank konkretisiert das Ziel: »Wir wollen 100 Läden und die interessierten Frauen zusammenbringen.«

Beraten wird die Gewerkschaft von Wolfgang Gröll. Der Unternehmensberater aus Bayern hat sich auf Dorfläden spezialisiert. Er sieht gute Chancen für ehemalige Schlecker-Filialen. Das Kernsortiment soll weiterhin aus Drogerieartikeln bestehen. Allerdings soll es den örtlichen Bedürfnissen angepasst werden können. Die Verhandlungen mit Lieferanten entwickelten sich gut, Bürgermeister erklärten sich bereit, der Genossenschaft bei den Mieten entgegenzukommen, berichtet Gröll. Nun müsse Kapital beschafft werden, zumal die einzelnen Beschäftigten keine persönliche Haftung übernehmen sollen, wollen und können. Das Kapital soll über Anteilskauf zusammenkommen. »Wir stellen uns Taler vor im Wert von 20, 50, 100 Euro«, erklärt Christina Frank. Geworben werden soll dafür unter Gewerkschaftsmitgliedern und in den betroffenen Dörfern. Gröll hat Erfahrung mit der Finanzierung von Dorfläden durch Bürgerkapital und meint: »Wenn die Bürgermeister mitziehen, funktioniert das.« Auch Breymaier ist zuversichtlich: »Wir haben viele Anfragen, wie den Schlecker-Frauen geholfen werden kann. Die Anteilszeichnung wäre dann konkrete Hilfe.«

Um entscheiden zu können, welche Standorte geeignet sind, muss jeder Laden einzeln berechnet werden. Das kostet 3000 Euro pro Laden. Dieses Geld fordere ver.di von der Landesregierung, sagt Breymaier. »Die hat bislang ja immer gut mitgezogen.«

Im SPD-geführten Wirtschaftsministerium beobachtet man den Plan für die Dorfladen-Genossenschaft »mit Wohlwollen«, erklärt ein Sprecher des Ministeriums. Den Antrag auf Fördergeld werde man »ernsthaft in den kommenden zwei Wochen prüfen«. Für sieben Läden sind die notwendigen 21 000 Euro bereits zusammen. Gespendet haben die Gewerkschaft selbst, kirchliche Einrichtungen und baden-württembergische Bundestagsabgeordnete der Linkspartei.

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