30.08.2012
Fragwürdig

Störrisches Heiligtum?

Johnny Rotten über 35 Jahre Sex Pistols und die Absicht, sich nicht ausstopfen zu lassen

nd: Im Exkurs zur britischen Popgeschichte bei der Eröffnung der Olympischen Spiele in London kamen sogar die umstrittenen Sex Pistols vor. Es wurde Ihr Skandalsong »God Save The Queen« gespielt; die Queen war not amused. Sex Pistols feiern 35. Geburtstag. Wie sieht Ihre Bilanz aus?'
Lydon: Mit den Pistols bin ich eigentlich durch. Natürlich finde ich es toll, dass sich unsere Platten noch immer verkaufen. Auf die alten Songs bin ich genauso stolz wie auf die neuen. Ich habe mich damals mit Regierungen und Institutionen heftig gefetzt. Der Mensch verändert sich. Ich bin heute nicht mehr aggressiv. In meiner neuen Band PiL geht es mir mehr um geistige Reflexion, um die Beförderung von Denken.

Für viele Teenager der späten 70er waren die Sex Pistols eine Offenbarung. Können Sie sich noch in den rebellischen jungen Johnny Rotten hineinversetzen?
Na klar! In dem PiL-Song »One Drop« singe ich: »Wir sind alterslos, wir sind Teenager«. Das Ärgerlichste, was ein Erwachsener zu einem Kind sagen kann, ist: »Benimm dich deinem Alter entsprechend!«

Fühlen Sie sich noch als der Außenseiter, der 1973 in London mit angeblich gestohlenem Equipment eine Band gründete, die sich später Sex Pistols nennen sollte?
Zum Außenseiter machten mich die Musikjournalisten, die mir Bitterkeit und Hass zuschrieben. Ich glaube, es ist Neid, der ihre Feder vergiftet. Kürzlich warf mir ein Journalist vor, ich könne nicht über England urteilen, weil ich seit 30 Jahren in Kalifornien lebe. Meine Güte! England steckt in mir drin. Es ist meine Heimat. Und überhaupt: Ich bin damals nicht freiwillig gegangen. Ich konnte diese Belästigungen nicht mehr ertragen, fürchtete sogar um mein Leben. Aber man lässt seine Heimat, seine Familie und Freunde nicht einfach hinter sich. Es bleibt alles in deinem Kopf, manifestiert sich in deinen Wertvorstellungen.

Sie gelten in England als störrisches Nationalheiligtum.
(Lacht.) Naja, Großbritannien hat halt nicht viele Nationalheiligtümer. Da müssen Sie wohl einen wie mich auch dazu küren. Ich fühle mich geehrt.

Einen Platz für die Sex Pistols in der Rock & Roll Hall of Fame lehnten Sie 2006 aber ab. Warum?
Die Nominierung begann bereits mit einem Ärgernis. Die Hall of Fame hatte eine Bandbiografie zusammengestellt, die von vorn bis hinten falsch war. Da stand nur Klatsch aus dem Internet drin. Sie hatten weder recherchiert noch bei uns nachgefragt. Das wollte ich auf keinen Fall erlauben. Ich kann doch keine Lügen unterstützen. Punkt. Aus. Ende. Außerdem: Noch lebe ich. Ich lasse mich nicht einfach ausstopfen oder einbalsamieren. Und im Grunde steckt hinter dieser Hall Of Fame nichts anderes als die Gier der Plattenfirmen, die glauben, sie würden die Künstler besitzen, wir wären ihr Eigentum. Ich fand, das musste denen einfach mal gesagt werden. Also schickte ich der Hall of Fame einen sehr beleidigenden Brief.

Und wie war die Reaktion?
Saukomisch. Sie nahmen den Brief in ihre Ausstellung mit auf. Dort hängt er jetzt für jedermann lesbar in einem Glaskasten. So spielt das Leben. (Lacht schallend.)

Fragen: Olaf Neumann

Am 21.9. erscheint die CD/DVD-Box »35 Jahre Sex Pistols«.