03.09.2012

Jetzt dominieren Last-Minute-Revolutionäre

Der syrische Oppositionelle Haytham Manna sieht ursprüngliche Ziele der Erhebung in Gefahr

Haytham
Haytham Manna (Jahrgang 1951) ist Auslandssprecher des Nationalen Koordinationskomitees für Demokratischen Wandel in Syrien. Während des Aufstandes der syrischen Muslimbruderschaft (1979/80) musste Manna Syrien aus politischen Gründen verlassen. Seit 1982 lebt er in Frankreich, wo er in der Arabischen Kommission für Menschenrechte tätig ist. Mit ihm sprach Karin Leukefeld.

nd: In Deutschland wurde dieser Tage von syrischen Oppositionellen ein Plan für »den Tag danach« veröffentlicht. Was halten Sie davon?
Manna: Die Leute, die diesen Plan vorgestellt haben, wollen einem das Gefühl vermitteln, dass man sich keine Sorgen machen muss, sollte das Regime morgen fallen. In einer historischen Phase wie jetzt wird die Zukunft aber durch die Entwicklung zwischen heute und morgen bestimmt. Da gibt es viele Szenarien. Wenn es einen Militärputsch gibt, wird die Entwicklung ganz anders aussehen als das, was die Leute jetzt vorgeschlagen haben. Und wenn die Kämpfer, die aus der Türkei kommen und jetzt Aleppo besetzt halten, morgen versuchen, nach Damaskus zu marschieren, wird es wieder ganz anders sein. Die werden niemanden nach einem Plan für »den Tag danach« fragen. Sie werden niemanden eine neue Regierung wählen lassen. Sie werden - mit all ihren extremistischen Ideen - die Macht übernehmen und die Herrscher des Syrien von morgen sein.

Wo steht die syrische Opposition heute? Trägt sie Verantwortung für den innersyrischen Krieg?
Wir haben in der Opposition Leute, die wir als »Last-Minute-Revolutionäre« bezeichnen. Sie waren nie Aktivisten. Allein im Syrischen Nationalrat kann ich Ihnen zehn Namen nennen. Vor drei Jahren habe ich diese Leute aufgefordert, eine Petition für Haytham Maleh zu unterschreiben, der damals verhaftet worden war. Sie haben abgelehnt! Mit der Begründung, sie seien Akademiker, objektiv und hätten mit Politik nichts zu tun. Und heute führen genau diese Leute die Extremisten in der Opposition. Sie fordern Macht für die Sunniten und wollen die Alewiten und Schiiten aus Syrien vertreiben. Sie rufen nach Bewaffnung und ausländischer Intervention. Keiner von ihnen spricht offen über die Söldner aus Libyen, Saudi-Arabien und Tunesien, die in Syrien kämpfen. Keiner fordert ihren Abzug. Und uns bezeichnen sie als »Komplizen des Regimes«, weil wir für einen Dialog eintreten.

Sie machen Extremisten im Syrischen Nationalrat für das Scheitern des friedlichen syrischen Aufstandes verantwortlich?
Der Nationalrat wird von islamischen Kräften und der Muslimbruderschaft dominiert. Am Anfang war es noch verzeihlich, über ein paar Dutzend ausländische Kämpfer aus Libyen und Ägypten hinwegzusehen. Aber es wurden Hunderte! Und diese Hunderte töten die syrische Revolution. Sie töten die Prinzipien, mit denen wir den Protest begonnen haben. Mit zwei Worten haben wir angefangen: Freiheit und Würde. Und heute gibt es nur noch einen Ruf: Allahu Akbar! - Allah ist groß!

Dschihadisten, syrische Extremisten und Islamisten wollten von Anfang an eine militärische Auseinandersetzung, aber sie wussten, dass wir, die Säkularen, die Humanisten, die Aktivisten der zivilen Bewegung keinen Dschihad, keinen »Heiligen Krieg« wollen. Für uns geht es um eine Veränderung, die dem Leben Wert gibt, nicht dem Tod. Mit allem Respekt für den Tod und allem was danach kommt - heute leben wir. Und wir haben das Recht auf ein Leben in Würde und Freiheit.

Die französische Regierung hat die syrische Opposition praktisch aufgefordert, eine Übergangsregierung zu bilden.
Wie können wir als Opposition Respekt von den Syrern erwarten, wenn uns Herr Fabius (Frankreichs Außenminister Laurent Fabius - K. L.) den neuen Weg für Syrien vorschreibt? Wie könnten wir uns selber noch respektieren?

Immerhin ist diese Opposition, die Fabius oder Präsident François Hollande ansprechen - der Syrische Nationalrat (SNR) -, in den Medien sehr präsent.
Uns verweigert man praktisch diesen Zugang. Wir haben nicht das Recht im CAP, dem Club der Auslandsjournalisten in Paris, zu sprechen. Weder ich, noch Michel Kilo noch Fayez Sara, und das im demokratischen Frankreich! Und als wir vor zwei Wochen die Initiative für einen Waffenstillstand gestartet haben, hat nicht einmal die BBC, die als besonders objektiv gilt, über den Inhalt der Initiative berichtet. Stattdessen haben sie die Berichterstattung der Golfstaatensender Al Arabija und Al Dschasira übernommen: Der Syrische Nationalrat weist die Initiative für einen Waffenstillstand zurück. Deshalb informieren diese Sender nicht einmal über den Inhalt unserer Initiative. Sie berichten nur, dass der SNR die Initiative ablehnt.

Gab es denn positive Reaktionen?
Bewaffnete Gruppen und vor allem Leute aus Aleppo haben positiv reagiert. Allein ich habe, hier in Paris, mehr als 200 Anrufe aus Aleppo bekommen. Leute haben mir gesagt, dass sie einen Waffenstillstand unterstützen und wollen, dass der »schmutzige Krieg«, wie sie ihn nennen, gestoppt wird. Nichts davon erscheint in den Medien.

Gab es ein Echo von Politikern?
Ja, Herr Lawrow, Russlands Außenminister, hat den Vorschlag begrüßt, auch aus dem Büro von Kofi Annan hatten wir sehr gute Reaktionen. Griechenland, Italien, Ungarn, insgesamt mehr als zehn europäische Staaten, haben mit uns Kontakt aufgenommen und wollten wissen, wie der Vorschlag nach dem Amtsantritt von Lakhdar Brahimi umgesetzt werden kann.

Hat sich die deutsche Regierung geäußert?
Nein, Deutschland hat ohnehin nur Kontakt mit zwei Gruppen: dem SNR und einer kleineren Gruppe, die aus dem SNR ausgetreten ist. Aber mit 20 anderen europäischen Staaten haben wir regelmäßigen Austausch.

Was sagt die syrische Regierung?
Vizepräsident Faruk Scharaa und Ali Haidar, der Minister für Nationale Versöhnung, haben den Vorschlag öffentlich unterstützt. Am 12. September ist eine große Konferenz der syrischen Opposition in Damaskus geplant, dort sollen weitere Schritte der Umsetzung besprochen werden. 21 politische Parteien aus Syrien haben ihre Teilnahme zugesagt, wir hoffen, dass auch Lakhdar Brahimi oder ein Beauftragter von ihm teilnehmen wird.

Werbung in eigener Sache

Artikel weiterempfehlen und ausdrucken