Von Michael Lenz
06.09.2012

Smarte Landwirtschaft

Auf UN-Ebene wird über eine Abkehr von der falschen Agrarpolitik diskutiert

Alle sieben Sekunden geht ein Hektar Ackerland weltweit verloren. Die Ernährung der wachsenden Menschheit bleibt ein noch ungelöstes Problem.

Nahrungsmittelsicherheit ist derzeit das große Thema auf UN-Ebene. Dürren in Nordamerika und Indien, heftige Unwetter auf den Philippinen und in anderen Teilen der Welt vernichten Ernten und lassen die Preise für Getreide in die Höhe schnellen. In den kommenden Jahren wird das Thema angesichts düsterer Aussichten noch wichtiger werden: »Um die für 2050 erwartete Weltbevölkerung von neun Milliarden Menschen ernähren zu können, muss die landwirtschaftliche Produktion um 70 Prozent gesteigert werden«, sagte Vietnams Agrarminister Cao Duc Phat in Hanoi bei der Eröffnung der noch bis Freitag gehenden »2. Konferenz über Nahrungsmittelsicherheit und Klimawandel«.

Die Antwort auf die »große Herausforderung« bleibt auf der von Vietnam, den Niederlanden, der Weltbank sowie der UN-Agrarorganisation FAO organisierten Konferenz freilich vage. Altbekannte Schlagworte wie »Nachhaltigkeit«, die »Armen stärken« und »verbesserte Regierungsführung« schwirren ebenso durch die Konferenzräume im schicken Melia-Hotel. »Es gibt immer mehr wissenschaftliche Beweise, dass eine ›Weiter-so-Haltung‹ bei der Befriedigung der prophezeiten Nachfrage nach Nahrungsmitteln, Treibstoff und Faserpflanzen die Grenzen des Planeten ausreizt und sie anfällig macht für die Auswirkungen des Klimawandels«, betonte Alexander Müller, stellvertretender FAO-Generaldirektor.

Das neue Zauberwort lautet CSA - Climate-Smart Agriculture. Das heißt im Umkehrschluss, dass in der Vergangenheit die Landwirtschaftspolitik nicht »smart« war, weder in den westlichen Industriestaaten noch in den Entwicklungs- und Schwellenländern. Dort wurde die Landwirtschaft zugunsten von industriellen Großprojekten, aber auch durch Korruption und schlechte Regierungsführung vernachlässigt. Oder aber auf einen lukrativen Exportmarkt unter Vernachlässigung der für den Binnenmarkt produzierenden Kleinbauern ausgerichtet.

Varikkotil Raman Haridas, Landwirtschaftsexperte der katholischen Hilfsorganisation Caritas in Indien, benennt gegenüber »nd« seine Vorstellung einer CSA: »Wir müssen wegkommen von den Monokulturen und stattdessen wieder mehr auf Vielfalt setzen, so wie früher.« Jetzt aber entstünden noch mehr und noch größere Monokulturen für den Anbau von Pflanzen für Biotreibstoff. Dies werde von den Regierungen unterstützt, wie sie auch auf Betreiben der Chemiemultis den Einsatz von Chemie zur Düngung und zur Bekämpfung von sogenanntem Unkraut fördern, kritisiert Haridas. »Gleichzeitig müssen wir in Indien Weizen importieren. Das ist lächerlich. Wir könnten den selbst anbauen.«

Unabhängige Entwicklungshilfeorganisationen wie Oxfam verbinden mit internationalen Konferenzen kaum Hoffnung auf eine Problemlösung. Die Klimaverhandlungen bewegten sich nur sehr langsam, und der versprochene »Green Climate Fund«, der Entwicklungsländer bei der Anpassung an die Folgen des Klimawandels finanziell unterstützen soll, sei »nur eine leere Hülle«, heißt es in einem am Mittwoch veröffentlichten Oxfam-Report mit dem Titel »Extremes Wetter, ex-treme Preise«. Nur die Staats- und Regierungschefs der G20-Länder hätten die Macht, die vielfältigen »Krisentreiber« wie Spekulation mit Nahrungsmitteln, schlechte Biospritpolitik und fehlende Investitionen in kleinbäuerliche und ökologische Landwirtschaft anzugehen. Derweil verliert die Welt alle sieben Sekunden einen Hektar Ackerland durch Klimawandel, Urbanisierung oder Naturkatas-trophen, während die Zahl der zu Ernährenden weiter wächst.

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