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Von Christin Odoj
14.09.2012

Jenseits der Stille

Israelische Soldaten sprechen über ihren Einsatz in den besetzten Gebieten

Einschüchterungen, Erniedrigungen und Schikanen bestimmen den Alltag israelischer Soldaten im Westjordanland. Mit einem heute veröffentlichten Buch will die Organisation »Breaking the Silence« dem weit verbreiteten Schweigen über den Einsatz der israelischen Armee in den Palästinensergebieten ein Ende setzen.

Das Foto zeigt sechs kleine palästinensische Jungen in Hebron. Sie stehen mit gespreizten Beinen an einer Wand und tun so, als würden sie gleich durchsucht. Ein israelischer Soldat, der wohl zufällig vorbeiläuft, blickt verwirrt auf sie herab.

Diese Szene dokumentiert noch recht harmlos, wie die israelische Präsenz das tägliche Leben in den besetzten Gebieten prägt. In insgesamt 146 Zeugenaussagen, die die israelische Organisation »Breaking the Silence« über einen Zeitraum von zehn Jahren gesammelt hat, berichten ehemalige Soldaten der Israelischen Verteidigungsarmee (IDF) über drastische Einschüchterungsmaßnahmen, gewaltsame Übergriffe oder stundenlange Verhöre ohne konkrete Hinweise. Egal welche der über 400 Seiten der deutschsprachigen Übersetzung man aufschlägt, die Berichte zeigen, dass von Schutz der israelischen Zivilbevölkerung, wie der eigentliche Auftrag der IDF lautet, keine Rede sein kann. »Es geht mittlerweile einzig und allein darum, Macht und Kontrolle zu demonstrieren«, sagte Dana Golan, Direktorin der Organisation »Breaking the Silence« bei der Buchvorstellung am Donnerstag in Berlin. Sie selbst hat nach der zweiten Intifada von 2001 bis 2004 in Hebron gedient. Das von Israel im Sechstagekrieg 1967 eroberte Westjordanland samt Ostjerusalem sowie der Gaza-Streifen werden international als besetzte Gebiete definiert, Annexionen werden nicht anerkannt.

Einer der Soldaten, die alle anonym bleiben wollen, berichtet von der Aktion »Frohes Purim«, bei der es darum ging zu zeigen, dass die Armee präsent ist. Soldaten warfen mitten in der Nacht Blendgranaten in Häuser palästinensischer Bewohner, durchsuchten deren Häuser, um »ihnen ein bisschen Angst zu machen«, wie er sagt. »Okay, sie haben heute Steine nach euch geworfen, also macht ihnen ein Frohes Purim«, zitiert er einen Vorgesetzten. Oft wurden Menschen einfach zu Übungszwecken verhaftet und aus ihren Häusern geschleppt. Haftbefehle mit leeren Namensfeldern sollen stapelweise und schon unterschrieben vom Kommandeur zur Verfügung gestanden haben.

Gerechtfertigt werden die meisten Einsätze der Armee damit, mögliche terroristische Akte gegen die israelische Bevölkerung zu verhindern. Mit Verteidigung hat kaum ein Auftrag zu tun. »Wenn der Begriff Vorbeugung auf nahezu jede militärische Operation zutrifft, dann verschwinden die Grenzen zwischen offensivem Angriff und Verteidigung«, heißt es im Vorwort des Buches.

Die israelische Armee hat in einem Großteil der besetzten Gebiete im Westjordanland weitreichende Befugnisse. Insgesamt 62 Prozent der Fläche wurden zur Zone C erklärt, die unter voller israelischer Zivil- und Sicherheitsverwaltung steht. Meistens bekommen Palästinenser, die aus den dicht besiedelten Zonen A und B in den spärlicher bewohnten C-Bereich ziehen wollen, keine Baugenehmigungen, weshalb viele in »illegal« gebauten Häusern leben. »Jeder zehnte Palästinenser musste seit dem Jahr 2000 sein Haus mindestens einmal verlassen, weil es abgerissen oder von der Armee geräumt wurde«, erzählt Tsafrir Cohen, Nahostreferent der Hilfsorganisation »medico international«.

Auf viel Verständnis trifft die Arbeit von »Breaking the Silence«, die auch mit Geldern der EU gefördert wird, unterdessen nicht. Als »Vaterlandsverräter« werden die Soldaten aus Kreisen der Armee und von Siedlern beschimpft, erzählt Golan. »Dabei sind es nicht wir, die das Image Israels in der Welt beschmutzen, sondern die Besatzung selbst.«

»Breaking the Silence. Israelische Soldaten berichten von ihrem Einsatz in den besetzten Gebieten«, Econ Verlag, 410 S., 19,90 €

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