»Man muss schon ein bisschen seinen Kopf anstrengen«

Juli Zeh über gute und schlechte archaische Reflexe, Blumenkübel und warum sie gern zu Gemeinderatssitzungen geht

Sie ist Juristin und Schriftstellerin und in beiden Rollen hochpolitisch. Juli Zeh im Gespräch mit nd-Redakteurin Ines Wallrodt: »Raushalten«, das Lebensmotto der Hauptfigur in ihrem neuen Roman, ist für Juli Zeh weder möglich, noch reizvoll. Die 38-Jährige mischt sich ein, bezieht Position und wird deshalb nicht nur gern gelesen, sondern auch gern befragt – vor allem zu ihren Hauptthemen: Demokratie und Freiheit.

nd: Sie sind gegen Überwachung und trotzdem vor ein paar Jahren in ein 300-Seelen-Dorf gezogen. Klingt überraschend, wo doch dort wahrscheinlich jeder von jedem alles weiß.Zeh: Naja, ich bin ja nicht gegen soziale Beziehungen und dass man dabei auch etwas über den anderen erfährt. Ich habe ein Problem mit staatlicher Kontrolle. Und der ist man auf dem Dorf sogar weniger ausgesetzt als in der Stadt. Wenn man durch eine durchschnittliche Großstadt läuft, wird man inzwischen ein paar hundertmal von Kameras erfasst und wahrscheinlich auch noch von Polizei, Ordnungsamt und sonstigen Sicherheitskräften beäugt. Da fühlt man sich hier draußen dann doch mehr in Ruhe gelassen.Spielte das eine Rolle bei Ihrer Entscheidung, aufs Land zu ziehen? Weniger Kameraaugen?Nicht explizit. Aber es kann schon sein, dass es im Hintergrund zu dem Gefühl beigetragen hat, dass ich nichts gegen ein bisschen Abstand hätte. Ganz ausweichen kann man aber nicht. Es sei denn, man würde auch nicht mehr elektronisch kommunizieren. Ausweichen ist die falsche Reaktion. Sich hinter seiner tollen Firewall zu verstecken und zu freuen, hier kommt der Bundestrojaner nicht durch, empfinde ich als Kapitulationserklärung. Das bedeutet ja, man lässt erst politisch etwas zu und hinterher verbarrikadiert man sich gegenüber seinem eigenen Staat, weil der nicht mehr so ist, wie man ihn gern hätte. Das Blöde ist, wenn die Gesetze erst mal da sind, wird man sie nur schwer wieder los. An vielen Punkten würde ich daher sagen: Zu spät. Da hätte man auf die Straße gehen und sich massiv wehren müssen. Doch das ist viel zu wenig passiert. Am ehesten findet Widerstand noch vor dem Bundesverfassungsgericht statt. Eine kleine Handvoll von Leuten klagt dort, weil sie nicht genügend Lobby und Unterstützung in der Masse bekommen. Die meisten Menschen scheinen zu glauben, die Kamera ist ja auf die anderen und nicht auf mich gerichtet. Diese Gleichgültigkeit wundert mich auch. Vor 20, 30 Jahren haben sich die Leute noch massiv gegen Datenerhebungen durch den Staat gewehrt. Soll jemand auf herkömmlichem Weg ausgespitzelt werden, wäre die Abwehr aber auch heute noch da. Wenn ich zum Beispiel im Café sitze und lese und jemand tritt hinter mich und liest über meine Schulter mit, würde ich mich sofort umdrehen und sagen: »Haben Sie sie noch alle, lassen Sie das! Das geht Sie nichts an.« So würde jeder von uns reagieren. Aber dieses Gefühl scheint bei Überwachung mittels neuer Medien noch nicht angesprungen zu sein.Der schwache Protest ist also eher Unwissenheit oder mangelndem Vorstellungsvermögen geschuldet?Abstrakt wissen die meisten, wie es funktioniert, aber es ist noch nicht auf Instinktebene abgesunken. Das Politische im Menschen beruht sowieso weniger auf rationalen Entscheidungen, als auf Abwehrreflexen oder einem spontanen Bedürfnis. In diesem neuen technischen Bereich Informationsverarbeitung funktionieren diese archaischen Reflexe noch nicht so gut. Da dreht sich keiner um und haut jemandem mit der flachen Hand ins Gesicht. Vielleicht vertrauen die Menschen auch einfach darauf, dass die staatlichen Behörden ihre Eingriffsbefugnisse nur gegen die Richtigen einsetzen. Das könnte sein. Aber dahinter steckt dann ein Verlust bürgerlichen Selbstverständnisses oder auch von Solidarität. Denn dieser Gedanke setzt voraus, dass es die Guten und die Bösen gibt. Diejenigen, die sich nie etwas zuschulden kommen lassen und die anderen - die Terroristen, die Sexualstraftäter, die Pornografiekonsumenten und weiß der Kuckuck. Jedenfalls immer eine Gruppe, auf die man mit dem Finger zeigen kann. Und man selber steht auf der guten Seite. Aber so funktioniert Gut und Böse nicht. Da braucht man nicht viel über Geschichte zu wissen. Außerdem ist das eine unglaublich egozentrische und selbstverliebte Sicht auf die Gesellschaft: So lange es mich nicht betrifft, kann es mir wurscht sein. Auf »das Böse« wird in Deutschland gern mit Verschärfungen des Strafrechts reagiert. Schnelle, autoritäre Lösungen haben es einfach. Woher kommt dieses Bedürfnis nach der starken Hand?Grundsätzlich ist das normale menschliche Denkfaulheit, ein Effizienzmodus. Die Wahrnehmungsbereitschaft des Menschen sucht immer den Weg des geringsten Widerstandes und wenn eine einfache Erklärung angeboten wird, dann wird die gern genommen. Das muss man gar nicht kritisieren. Genauso menschlich ist das Bedürfnis nach der starken Hand. Man hat ein paar hundert Jahre Aufklärungs- und Emanzipationsarbeit geleistet, um dem entgegenzuwirken und das auszubalancieren. Mein Eindruck ist aber, dass die emanzipatorische Anstrengung nachgelassen hat. Ganz konkret seit dem 11. September 2001. Es gibt ein Vorher und Nachher?Ja, genau. Nicht nur, weil dieses Ereignis so stark in seiner Wirkung ist, es steht auch metaphorisch für eine Wende, die um die Jahrtausendwende stattgefunden hat. Seither kommt das Simple, Archaische wieder mehr durch, und zwar als Xenophobie. Das ist ein einfacher Reflex: Im Zweifel ist der Andere, der Fremde der Gefährliche für uns. Auf dieser Welle surft eine ganze Menge politisch und gesellschaftlich. Die meisten würden das natürlich bestreiten und betonen, die sei kein Rassismus, sondern Gefahrenabwehr. Halten Sie die Gefahren, die nach dem 11. September als Begründung für neue Sicherheitsgesetze angeführt werden, für komplett irreal?Es gibt immer reale Gefahren in allen möglichen Bereichen des Lebens.

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