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Von Antje Stiebitz
15.09.2012

Wurzellose Unruhe

Pia Ziefle über eine Patchwork-Existenz

»Aufgewachsen bin ich bei 'ner deutschen Familie, aber in Wahrheit bin ich halb türkisch und halb restjugoslawisch.« Ein Satz, salopp gesprochen. Denn es ist viel zu kompliziert, mal eben zu erklären, was sich dahinter verbirgt. Eine Existenz so verzwickt, dass Luisa Wackermann viele Jahre braucht, um aufzudröseln, was so verflochten ist.

Als ihre neugeborene Tochter kein Auge zutut, niemals schläft, ist es der schwäbische Dorfarzt, der mit seiner Diagnose den entscheidenden Hinweis gibt. Die Kleine, erklärt er, kann keine Wurzeln schlagen. »Finden Sie Ihre«, sagt er der jungen Mutter. Und diese, für die ihre Herkunft viele unbekannte Seiten hat, macht sich auf die Suche. Auf die Suche nach der Geschichte ihrer deutschen Adoptiveltern, der jugoslawischen Familie ihrer leiblichen Mutter und nach ihrem türkischen Vater. Eine Reise in eine Vergangenheit voller Liebe und Schmerz, eine berührende Geschichte, die sie ihrer Tochter in sieben Nächten erzählt, damit diese endlich schlafen kann.

Es ist die Geschichte einer Frau, die drei Namen trägt, einen serbischen, einen deutschen und einen türkischen: Luisa, Marina und Suna. In der dünnen Person Luisas verknäulen sich die Schicksale ihrer vier Elternteile: Da ist Julka, die als Reinigungskraft nach Deutschland kommt, und sich in Kamil verliebt, der in der Türkei bereits eine Familie hat und ihr nicht die Wahrheit sagen kann. Und Magdalena und Johannes, die sich sehnsüchtig ein Kind wünschen. Für das kleine Mädchen mit den drei Namen, Glück und Fluch zugleich.

Kurz vor der Einschulung erfährt sie zum ersten Mal davon, dass sie nicht »aus dem Bauch von Magdalena« stammt, ein paar Jahre später, dass ihre Vorfahren aus Jugoslawien und der Türkei kommen. Plötzlich ist dem Mädchen alles fremd, sie fühlt sich als »andersartiger Fremdkörper« und ihre erste Reaktion ist Flucht. Die Eltern selbst überfordert, stecken sie ins Internat. Dort trifft und verliert sie Tom. Von außen betrachtet findet sie indes ihren Weg, macht eine Ausbildung zur Siebdruckerin, landet in Berlin und schreibt Drehbücher. Nur die Zerrissenheit bleibt und nagt an Körper und Seele. Doch dann schreibt sie eine Postkarte an Julka, die leibliche Mutter, die ihre Tochter sehnlichst erwartet hat und Luisa gewinnt ihre jugoslawische Identität: Ein erster Schritt, der viele Knoten löst.

Was die Protagonistin Luisa erlebt, ist der Autorin Pia Ziefle nicht fremd. Sie selbst wuchs als Kind von Gastarbeitern bei deutschen Adoptiveltern auf. Mit »Suna« arbeitet sie das eigene Erleben liebevoll auf. Sprachlich klar und voller Poesie vermittelt sie eine Famliengeschichte der ungewöhnlichen Art. Erzählt glaubhaft von den Folgen der Entwurzelung und von der Chance, die eigene Herkunft zu ergründen.

Endlich so scheint es, hat es Luisa geschafft. Nach vielen Jahren begegnet ihr Tom wieder und die beiden gründen eine Familie. Es ist ihr zweites Kind, das Luisa wieder mit den restlichen Ungewissheiten ihrer Familiengeschichte konfrontiert. Der Vater Kamil ist ihr bislang nur in ihren Träumen erschienen. Also nimmt sie Kontakt mit ihrer türkischen Familie auf, bereitet sich auf den Flug nach Istanbul vor und gewinnt auf diese Weise ihren türkischen und dritten Namen: Suna. Jetzt endlich hat sie ihrer Tochter den Schlaf erkämpft.

Ein Roman über das Wirken des Vergangenen auf Gegenwart und Zukunft. Und über den Raum, den man im Leben derer einnimmt, mit denen man eng verknüpft ist.

Pia Ziefle: Suna. Roman. Ullstein. 302 S., geb., 18 €.

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