Von Jonathan Sachse
29.09.2012

Im Kampf gegen das Kartell der Schweiger

Ex-Profi Paul Kimmage warf dem Radsport-Weltverband Doping-Vertuschung vor, jetzt verklagt ihn die UCI

Der Radsportweltverband UCI will mit einer Klage den Journalisten und Ex-Profi Paul Kimmage mundtot machen. Im Internet wird Geld für den Prozess gesammelt. Wird aus der Klage ein PR-Eigentor?

Zwei Tage vor Beginn der Tour de France 2011: Der Spanier Alberto Contador nimmt auf dem Podium zur Pressekonferenz Platz. In einer Fragerunde meldete sich Paul Kimmage zu Wort: »Seitdem Sie professioneller Fahrer sind, wurde jedes Ihrer Teams mit Dopinganschuldigungen in Verbindung gebracht. Sie fahren hier unter großem Dopingverdacht. Warum sollten wir Ihnen glauben?«

»Ich glaube, Sie sind nicht gut informiert. Ich habe immer gesagt, dass ich gegen Doping bin«, gab der Spanier harsch zurück. Ein halbes Jahr später wurde er vom internationalen Sportgerichtshof nachträglich für zwei Jahre gesperrt. Eine ähnliche Frage stellte Kimmage 2010 an Lance Armstrong nach dessen Rückkehr in den Radsport. »Sie sind den Stuhl nicht wert, auf dem Sie sitzen«, bekam Kimmage vom damals mächtigsten Mann des Radsports zu hören. Zwei Jahre später entlarvte die amerikanische Anti-Doping-Agentur USADA den Texaner als Drahtzieher eines riesigen Dopingnetzwerkes.

Nur zwei Szenen von vielen, in denen der irische Journalist und Ex-Radprofi die dopingverseuchte Szene mit kritischen Fragen konfrontierte, die kaum einer öffentlich zu stellen wagte. Ausgerechnet Kimmage soll sich jetzt für einen seiner Berichte vor einem Schweizer Gericht erklären. Am 12. Dezember muss der 50-Jährige vor dem Tribunal D'Arrondissement de L'Est Vaudois in Vevey antreten - nur fünf Autominuten von den Privatwohnsitzen der Kläger entfernt: Pat McQuaid, der jetzige UCI-Präsident, und sein Vorgänger Hein Verbruggen, seit 1996 IOC-Mitglied.

Die beiden UCI-Granden sahen sich nach einem Interview von Kimmage mit Ex-Armstrong Helfer Floyd Landis in ihrer Ehre gekränkt. Landis spricht darin von positiven Armstrong-Proben, die von der UCI vertuscht worden seien. Anschuldigungen, die Kimmage in späteren Berichten aufgriff - zum Missfallen der UCI-Mächtigen.

»Als ich die Vorladung letzte Woche las, dachte ich: Das wird ein einsamer Kampf«, beschreibt der Ire gegenüber »nd« seine ersten Gedanken. Eine Strafe von jeweils 8000 Schweizer Franken verlangen die beiden Kläger. Dazu soll Kimmage, der einst mit einem Buch über sein eigenes Doping bekannt wurde, eine Richtigstellung in verschiedenen internationalen Medien finanzieren. »Ich weiß noch nicht, was das alles kosten wird. Ich möchte aber so viele Zeugen wie möglich in die Schweiz mitbringen. Das wird teuer«, sagt der Freiberufler Kimmage,

Nur wenige Stunden nach Bekanntgabe der Vorladung begannen zwei Freunde einen »Defense Fund« zu organisieren. Der digitale Spendentopf für Paul Kimmage erreichte in weniger als einer Stunde die 1000-Dollar-Marke und lag bei Redaktionsschluss dieser Zeitung bereits bei 41 000 Dollar. Für den Iren kaum fassbar: »Letzte Woche war ich so frustriert. Jetzt stecke ich voller Energie und kann mich angemessen verteidigen. Denn hier geht es nicht mehr um mich. Es geht um den guten Journalismus, der ausgebremst werden soll.«

Im Internet kann sich manchmal sehr schnell eine Gegenbewegung formieren: Wird die Klage für die UCI zum Bumerang? Die Liste der Spender könnte darüber Aufschluss geben, sie ist aber selbstverständlich nicht öffentlich. Von den aktiven Sportlern und Betreuern im Radsportkreis melde sich leider kaum einer zu Wort, kritisiert Kimmage: »Ein trauriges Bild, das die Probleme dieser Sportart vor Augen führt.«

Im Dezember wird Kimmage die Unterstützung vieler Stimmen aus dem inneren Radsportkreis gebrauchen, wenn er seine Anschuldigungen gegen den Radsportweltverband mit Dokumenten und Zeugenaussagen vor Gericht belegen soll. Bislang äußerte sich nur der Fahrer David Millar öffentlich. »Beschämend UCI. Ekelhaft, sie klagen Kimmage an«, twitterte der Schotte.

Über zwei Monate hat Paul Kimmage nun noch Zeit nach Fakten zu suchen. Veröffentlichen darf er nur, wenn er Beweise liefern kann. Er wirbt weiter für Spenden: »Wenn wir gewinnen, bekommt jeder Spender seine Einzahlung zurück.«

Wer den Journalisten Paul Kimmage in seinem Prozess unterstützen will, kann das hier tun: