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Von Walter Kaufmann
09.10.2012

Gesprengte Fesseln

SERGEJ LOCHTHOFEN schrieb mit »Schwarzes Eis« den Roman seines Vaters

Seit dem Erscheinen von Alexander Solschenizyns »Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch« im zweiundsechziger Jahr ist eine umfangreiche Lagerliteratur entstanden, reiht sich Buch an Gulag-Buch, viele davon zutiefst erschütternd. Sergej Lochthofens »Schwarzes Eis«, der Lebensroman seines Vaters, hebt sich von allen wegen seines kraftvollen Grundtons ab. Der junge Flüchtling aus Nazi­Deutschland, der Hitler-Gegner Lorenz Locht-hofen, bot seinem sowjetischen Schicksal die Stirn, er bezwang es geradezu.

Willkürliche Verhaftung, zynische Verurteilung, Verbannung in die Eiswüsten Workutas - er hätte Grund gehabt zu verzagen, seinem Leben gar ein Ende zu setzen. Doch er blieb ungebeugt und - dies vor allem! - überlebensfähig. Lotte, die geliebte Frau, verhaftet und verschollen, (später wird ihm eine offiziell beurkundete Todesanzeige vorgelegt), auch dass sein Töchterchen im Gefängnis umgekommen sei, erfährt er in Workuta. Von den Wächtern drangsaliert, von kriminellen Mitgefangenen gedemütigt, bleibt Lochthofen lange zu Knochenarbeit und zum Hungern verdammt - doch er widersteht!

Weil er so beschaffen ist, weil er besonnen ist und umsichtig, klug im Kopf, ein Leistungsfähiger mit wissend-geschickten Händen. So einer kommt durch, so einer wird in der Eisenbahnreparaturwerk-stätte gebraucht und dorthin wieder zurückgeholt, als er, als deutscher »Politischer« schließlich doch zur schier tödlichen Schinderei in eisiger Kälte in die Lehmgrube muss. Und in eben dieser Reparaturwerkstatt wird ihn der Vorgesetzte verstecken, als er nach dem Hitler-Stalin Pakt mit anderen Genossen, die alle Hitler-Gegner sind, abgeschoben und an die Gestapo ausgeliefert werden soll ...

Glück? Nein, Lorenz Locht-hofen war stets seines Glückes Schmied und blieb das auch, als er 1956 nach all den Jahren Verbannung mit seiner zweiten Frau, einer Russin, und seinen beiden Söhnen in die DDR übersiedeln darf. - Hier entzieht sich der Lebensroman dem Titel. »Schwarzes Eis« ist die Vergangenheit. Lochthofens Neubeginn in der DDR, dem besseren Deutschland - wie er es sieht - erweist sich als so bemerkenswert, ja außergewöhnlich wie sein Überleben in Workuta. Der Gulag-Häftling Lochthofen, dieser »Ehemalige«, steigt zum leitenden Direktor eines Großbetriebes im thüringischen Sömmerda auf. Für sein Wirken wird ihm der Ehrentitel »Aktivist des Siebenjahrplans« verliehen, und er wird ins Zentralkomitee der SED gewählt ... Was in wenigen Worten den Inhalt der annähernd zweihundert Seiten anzudeuten versucht, die sein Sohn den Höhen und Tiefen, den Mühen, der Streitbarkeit, dem Wirken seines Vaters in der DDR widmet.

Seiten, die sich mit Gewinn lesen, mit Genuss auch, weil sie nicht selten humorvoll und durchweg nachvollziehbar geschrieben sind. Da wäre Werkdirektor Lochthofens geharnischter Appell zur Eigenverantwortlichkeit eines Jeden im Betrieb zu erwähnen oder seine Konfrontation mit dem Großbauern, den er auf seine unnachahmliche Art vom Vorteil einer LPG überzeugt, und schließlich, wie er sich ohne zu zögern einer Frau annimmt, einer FDJ-Sekretärin, die zur Schichtarbeit in seinem Betrieb verdammt worden war, weil sie es versäumt hatte, zur Wahl zu gehen. Nur drei von vielen ähnlich gearteten Begebenheiten im Leben eines Mannes, der sich bis ins hohe Alter nie schonte.

Weit mehr als ein Buch über die Gräuel des Gulags also? In der Tat, weit mehr. Im Lebensroman des Lorenz Lochthofen spiegeln sich auch die frühen Jahre der DDR - ein Staat, der sich, wie sein Sohn es glaubhaft macht, von Anbeginn gegen West wie Ost zu behaupten hatte.

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