Von Anna Maldini
24.10.2012

Haft für Erdbebenforscher

Urteil in Italien und international umstritten

Sieben namhafte Wissenschaftler sind in L’Aquila zu Haftstrafen verurteilt worden, weil sie wenige Tage vor dem verheerenden Erdbeben 2009 erklärt hatten, es bestehe keine größere Gefahr. Das Urteil ist in Italien und international sehr unterschiedlich aufgenommen worden.

Der Richter von L'Aquila ist sich sicher: Die Wissenschaftler, die dem vom Staat berufenen Ausschuss für »große Gefahren« angehörten, haben fahrlässig gehandelt und tragen deshalb eine Mitschuld am Tod von 309 Personen, die im April 2009 unter den Trümmern ihrer eingestürzten Häuser umkamen. Deshalb sollen sie für sechs Jahre in Haft. Dazu kommen Schadensersatz und Schmerzensgelder in Höhe von insgesamt 7,8 Millionen Euro.

Wenige Tage vor den schweren Erdstößen hatte der wissenschaftliche Beirat der Regierung in L'Aquila getagt: Damals hatte die Erde schon monatelang gebebt und die Einwohner waren verängstigt. Die Befürchtungen seien aber unbegründet, erklärte damals der Vorsitzende des Ausschusses vor der Presse, da sich die Energie im Erdinneren durch die permanenten Beben sozusagen Luft verschaffe und deshalb keine akute Gefahr bestehe. Wie viele Einwohner der Stadt diesen Besänftigungen vertrauten und deshalb in ihren Häusern blieben oder ob daraufhin die Lokalverwaltungen, denen der Beirat Entscheidungshilfen liefern sollte, ungenügende Vorsichtsmaßnahmen ergriffen hat, ist natürlich nicht klar auszumachen. Das Gericht allerdings hat die Wissenschaftler in erster Instanz wegen fahrlässiger Tötung und Körperverletzung verurteilt.

Das Urteil ist sehr unterschiedlich aufgenommen worden. In L'Aquila selbst waren die Reaktionen zum größten Teil positiv. Die Angehörigen der Opfer, die als Nebenkläger aufgetreten waren, haben unterstrichen, dass dies ihnen nicht über ihren Verlust hinweghelfen könne, aber durch das Urteil doch ein gewisses Vertrauen in die staatlichen Institutionen wieder hergestellt sei. Stefania Pezzopane, die zur Zeit des Bebens Provinzpräsidentin war, bezeichnete den Richter als »mutig« und auch der Bürgermeister der Stadt Massimo Cialente ist der Ansicht, dass dies »ein erster Schritt in die richtige Richtung« auf dem Weg zur Gerechtigkeit ist.

Vor allem negativ hingegen fallen die Reaktionen der nationalen Politiker aus. Senatspräsident Renato Schifani sprach von einem »seltsamen und etwas beschämenden Urteil«, während es von Zentrumspolitiker Pier Ferdinando Casini sogar als »blanker Wahnsinn« definiert wurde. Pierluigi Bersani, Vorsitzender der Demokratischen Partei, sagte nur, man müsse die Justiz und ihre Urteilssprüche respektieren.

Besonders heftig aber reagierten Wissenschaftler und nicht nur in Italien; Stellungnahmen kamen auch aus den USA und Japan. Unter diesen Umständen, so der Tenor, würde sich nie wieder ein Kollege bereiterklären, beratend für die Regierung oder andere staatliche Institutionen tätig zu werden. Außerdem, so weiter, sei allgemein bekannt, dass man Erdbeben nicht vorhersehen könne. Befürworter des harten Urteils halten dem allerdings entgegen, dass man gerade deshalb auch ruhigen Gewissens keine negativen Voraussagen treffen könne und sie vor allem nicht mit viel Rummel in der Öffentlichkeit verkünden dürfe.