Von Hendrik Lasch, Magdeburg
16.11.2012

Die blockierten Blockierer

Um das Bündnis »Magdeburg nazifrei!« gibt es Kontroversen

Nach Dresdner Vorbild will das Bündnis »Magdeburg nazifrei!« in Sachsen-Anhalts Hauptstadt einen Nazimarsch im Januar blockieren. Doch das Echo ist gedämpfter als erhofft.
Dresden macht Schule. Über drei Jahre hinweg wurden in Sachsens Hauptstadt Nazis mit wachsendem Erfolg vergrämt. Noch 2009 galt ein brauner Aufmarsch zum 13. Februar, dem Jahrestag der Zerstörung der Stadt im Jahr 1945, als europaweit größtes Spektakel der Szene. In diesem Jahr sorgten die vom Bündnis »Dresden nazifrei!« organisierten Blockaden dafür, dass Rechte nur eine Runde um den Block laufen konnten.

Der Dresdner Ansatz »ist ein Erfolgskonzept und Vorbild«, sagt Thea Bauer (Name geändert). Sie ist Mitgründerin des Bündnisses »Magdeburg nazifrei!«, das Nazis auch aus der Hauptstadt Sachsen-Anhalts mit Blockaden vertreiben will. Die Szene führt hier seit 1998 Aufmärsche durch, und zwar ebenfalls zum Jahrestag der Zerstörung am 16. Januar. Jahrelang galt Magdeburg als Generalprobe für Dresden; zuletzt reisten 1300 Nazis an. Bauer hält es für denkbar, dass die Szene nach den Dresdner Pleiten Magdeburg zum neuen Pilgerort kürt; das Bündnis warnt vor 2500 Nazis und ruft bundesweit zur Teilnahme an den Blockaden auf.

Uneins über Zahlen

Dass das Echo gedämpft ausfällt, liegt nicht zuerst an Prognosen zur Zahl der Nazis – auch wenn viele sie für überzogen halten. Die symbolische Bedeutung Magdeburgs in der Szene sei »nicht vergleichbar mit der Dresdens«, sagt ein Kenner: Der Angriff auf die sächsische Kulturstadt gilt Nazis als Inbegriff des »Bombenholocaust«, von dem NPD-Politiker, gestützt auf überhöhte Opferzahlen, sprechen. Zudem sehen viele Dresdner die Stadt als unschuldiges Opfer, woran Nazis anknüpfen. Ein solcher »Mythos« existiert in Magdeburg nicht.

Freilich: Aufrufe zu Blockaden müssen nicht an der Frage scheitern, ob 1300 oder 2500 Nazis anreisen. Dennoch hält sich der Zuspruch für »Magdeburg nazifrei!« bislang zumindest in der Stadt und im Land in auffälligen Grenzen. Einen Aufruf haben zwar Leipziger Jusos, die DKP Berlin und Grüne Bundestagsabgeordnete unterschrieben, zudem ein Gutteil der Thüringer Linksfraktion – aber nur eine Handvoll ihrer Magdeburger Kollegen. Auch Sachsen-Anhalts Grüne und Gewerkschaften fehlen.

Ein Grund sind schwere atmosphärische Störungen zwischen »Nazifrei!« und dem Magdeburger »Bündnis gegen Rechts« (BGR), das seit 1998 besteht und für Januar zur dritten »Meile der Demokratie« aufruft. Ziel sei es, Plätze für Naziaktionen zu blockieren, sagt die Magdeburger LINKE Eva von Angern. Zudem sollten Bürger mobilisiert werden, die nicht zu Demos oder Blockaden gehen würden.

Vielen ist das nicht genug – auch manchen im BGR, dessen Spektrum von LINKE bis CDU, von Kirchen bis zu Gewerkschaften reicht. Wenn parallel Blockaden organisiert würden, sei das zunächst gut, sagt von Angern. Nicht gut kommt allerdings beim BGR an, wie man im »Bündnis nazifrei!« über dessen Aktivitäten urteilt. Offiziell sagt Sprecherin Thea Bauer: »Es reicht nicht, in der Innenstadt eine Meile zu veranstalten, wenn die Nazis trotzdem marschieren«. Im Bündnisaufruf wird man deutlicher: Der »Protest der Zivilgesellschaft«, heißt es, beschränke sich auf den Januar und blende Übergriffe »in der übrigen Zeit aus«. In Internetforen kursiert gar das böse Wort vom »Bratwurst-Antifaschismus«. Das sei ein »Abwatschen anderer Formen von Engagement«, sagt Pascal Begrich vom Verein »Miteinander«: »So etwas kommt nicht gut an.«

Ein ruinierter Ruf

Doch nicht nur die städtische Zivilgesellschaft ist teils verprellt. Auffällig ist auch die Zurückhaltung in der Antifaszene, etwa bei Berliner Gruppen, die in Dresden zu den tragenden Säulen des »Nazifrei!«-Bündnisses gehörten. Dort stößt man sich an der Tatsache, dass im Magdeburger Bündnis neben der Linksjugend [`solid] und der ver.di-Jugend auch die Gruppe »Zusammen kämpfen« (ZK) vertreten ist. Sie sorgte für viel Ärger mit Übergriffen auf angeblich antideutsche oder mit Israel solidarische Linke, bei denen Pfefferspray und Pflastersteine eingesetzt wurden. Magdeburg habe »einen schlechten Ruf«, sagt ein Berliner Aktivist. Beim Bündnis heißt es zwar, ZK-Aktivisten spielten keine tragende Rolle. Auf überregionalen Rückhalt aus der Szene kann man aber so vorerst nicht bauen.

Ändern wird sich das womöglich nur, wenn das Bündnis »Dresden nazifrei!« in Magdeburg nicht nur vom Namen her zum Vorbild erkoren wird, sondern auch mit seinem politischen Ansatz. Dieser ist, so lautet ein viel zitierter Kernbegriff, »Spektren übergreifend«. Soll heißen: Auch wenn die politischen Ziele nicht immer geteilt werden, ziehen unterschiedlichste Beteiligte am gleichen Strang, ohne sich zu diskreditieren. Der Begriff ist im »Selbstverständnis« des Bündnisses in Magdeburg bislang indes explizit nicht zu finden.

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