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Von Fabian Lambeck
22.11.2012

Bundesregierung ignoriert unbequeme Hartz-IV-Umfrage der Diakonie

Gravierende Mängel des Hartz-IV-Systems - Schwarz-Gelb will Probleme nicht wahrhaben

Wenn der zweitgrößte deutsche Wohlfahrtsverband eine Umfrage zum Thema Hartz IV macht, dann sollte die Politik eigentlich hellhörig werden. Zwischen Mai und November 2011 führte die evangelische Diakonie intensive Befragungen in 110 ihrer Beratungsstellen durch. Der Verband wollte wissen, wie es um die vom Bundesverfassungsgericht eingeforderte Sicherung des Existenzminimums für Langzeitarbeitslose und deren Kindern bestellt ist. Im Juni 2012 veröffentlichte die Diakonie dann die Ergebnisse. Eindeutiger Tenor: Die Rechtsansprüche der Betroffenen werden »regelmäßig nicht umgesetzt«.

Die Auflistung der Mängel ist so umfangreich, dass sie den Rahmen dieses Artikels sprengen würde. So wird dort kritisiert, dass die Berater in den Jobcentern »nur zum Teil fachlich für ihre Aufgaben ausgebildet« seien. Die Bescheide der Jobcenter seien oft so kompliziert, dass sie nicht einmal von den Diakonie-Beratungsstellen »ohne größeren Aufwand« nachvollzogen werden konnten. In vielen Fällen würden so »Rechtsansprüche vorenthalten«. Besonders brisant ist diese Passage: »Sanktionen werden ohne Rücksicht auf die persönliche Situation der Betroffenen verhängt«, resümiert die Diakonie. Dabei würde das das Existenzminimum »regelmäßig unterschritten«. Wobei viele Jobcenter »nicht einmal Lebensmittelgutscheine« anböten. Besonders bitter für Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU): Das 2011 von ihr eingeführte Bildungs- und Teilhabepaket für arme Kinder »erreicht nur eine Minderheit«. Auch weil pro Kind und Leistung bis zu acht »Anträge mit unterschiedlichen Bewilligungszeiträumen« erforderlich seien. Doch selbst wenn die Anträge bewilligt wurden, waren die Beiträge, etwa für Musikschulen, oft zu gering.

Die Linksfraktion im Bundestag nahm diese Horrorliste zum Anlass für eine Kleine Anfrage. So wollte man von der Bundesregierung wissen, ob sie die Expertise der Diakonie überhaupt kenne und was sie plane, »um die dargestellten Probleme aufzuarbeiten und zu lösen«. Die Antwort des zuständigen Staatssekretärs Hans-Joachim Fuchtel (CDU) liegt nd nun exklusiv vor. Darin macht Fuchtel deutlich, dass die Regierung nichts unternehmen werde, um die teilweise unhaltbaren Zustände zu beheben. Im Gegenteil: Fuchtel betont, dass das »menschenwürdige Existenzminimum« durch den Regelsatz abgedeckt sei. »Die jährliche Fortschreibung der Regelbedarfe« garantiere dies.

Doch gerade das tut sie eben nicht. Zwar steigen die Sätze im kommenden Jahr tatsächlich um acht Euro auf 382 Euro. Doch auch nach der Anpassung werden die Betroffenen weniger zum Leben als im Jahr der Einführung von Hartz IV. Seit 2005 sind die Regelsätze kumuliert um 10,7 Prozent gestiegen. Im gleichen Zeitraum zogen die Verbraucherpreise aber um 13,3 Prozent an. Allein Strom verteuerte sich 38 Prozent und Nahrungsmittel um 19,1 Prozent.

Gegenüber nd kritisiert die Vorsitzende der Linkspartei, Katja Kipping, die »nicht nachvollziehbare Ignoranz der Bundesregierung gegenüber Umsetzungsmängeln«. Zudem komme die Regierung »ihrer Verpflichtung nicht nach, die Fragen sachgerecht zu beantworten«. Kipping will die Sache nicht auf sich beruhen lassen: »Einzelne nicht oder nur unzureichend beantwortete Fragen werden der Bundesregierung daher erneut vorgelegt«. Mal schauen, ob sich Staatssekretär Fuchtel dann mehr Mühe gibt.

4 Kommentare

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  • amenpanufer / 21. Nov 2012 23:17

    notwenidige standfestigkeit

    neben den kriegseinsätzen ist die einführung von hartz 4 ein weiterer hauptgrund, nicht mit rot-grün zu koalieren, solange dieses verbrechen an der bevölkerung nicht beendet wird. gleichzeitig sollte die pdl ihren festen standpunkt gegen hartz 4 und gegn kriegseinsätze offensiv in der öffentlichkeit vertreten, d.h. als als angriff auf die vermeintlichen linken konkurrenten.

  • wmkommentar / 22. Nov 2012 12:01

    CDUCSUFDP ist unchristlich, unsozial, dafür neoliberal

    Warum sollte eine unchristliche und unsoziale Regierung auf eine unbequeme Umfrage der Diakonie antworten?
    Wichtiger wäre jetzt, dass die grüne Katrin Göhring-Eckardt eindeutig Stellung zur Hart4- Umfrage der Diakonie bezieht und welche Konsequenzen sie Hartz4 betreffend für ihre Politik im Falle einer Regierungsbeteiligung erforderlich hält.

  • vlun / 22. Nov 2012 17:48

    Re: notwenidige standfestigkeit

    Zitat: "... gleichzeitig sollte die pdl ihren festen standpunkt gegen hartz 4 und gegn kriegseinsätze offensiv in der öffentlichkeit vertreten" Zitatende.

    Sehe ich genauso. Hoffe wir werden es auch noch erleben. Schön wärs ja ...
    ;-)))

  • berlinicke / 23. Nov 2012 16:18

    Erst Sanktionieren und später Nachzahlen?

    Nach Widersprüchen und Kalgen werden viele Sanktionen zurück genommen, weil sie nicht rechtmäßig erfolgten, während sich die Mehrheit in ihr vermeintliches Schicksal ergibt und resigniert.

    Auf Ralph Boes wurden die Medien aufmerksam, auch das ND. Sein JC nahm nun 2 von 3 Sanktionen für ihn zurück und er erhält in den nächsten Tagen eine Nachzahlung, falls er bis dahin überlebt. So ist das JC Kläger, Richter und Vollstrecker zugleich, aber bestraft bereits vor der Klärung.

    Nun werden "nur noch" 112€ vom Existenzminimum vorenthalten, also 30%. Der Regelsatz setzt sich aus mehreren Positionen zusammen, die alle nicht hinreichen, um davon echt zu existieren und dringendst zum Überleben sofort benötigt werden. Zur Ernährung dienen nur 128€. So bleiben jetzt 16€ pro Monat, wohlgemerkt nachträglich!

    Das passiert allein in diesem Jahr mehr als einer Millionen Menschen hierzulande, nicht eingerechnet dabei jene, welche es aufgaben, überhaupt noch ihre Ansprüche gegen die Willkür der Behörden einzufordern. Ihnen ist es würdiger von Almosen zu vegitieren oder sie sind garnicht im System weil sie "Illegale" sind und sich total rechtlos fühlen. Unser GG scheint für sie nicht zu gelten: Die Würde des Menschen ist unantastbar! Ihr Schutz ist die Aufgabe aller staatlichen Gewalt!

    Fiede sei mit Euch und allen Sündern ebenso!

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