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13.12.2012

Augstein greift zum Rotstift bei „Der Freitag"

Ein Viertel der Stellen bedroht / Linksliberale Wochenzeitung „wächst zu langsam" / Redaktion: der Anfang vom Ende

Berlin (nd). Nun steht auch bei der Wochenzeitung „Der Freitag" ein gravierender Einschnitt in Haus: Auf einer Betriebsversammlung in dieser Woche ist die Streichung von etwa einem Viertel der Stellen in Verlag und Redaktion angekündigt worden. Das von „Spiegel"-Erbe Jakob Augstein 2008 erworbene Blatt wachse zu langsam, erklärte der 45-Jährige inzwischen auf Facebook. Es gehe „darum, der Zeitung das Schicksal der FTD und der FR zu ersparen". Letztere, sozialdemokratisches Traditionsblatt, hatte unlängst einen Insolvenzantrag stellen müssen, die "Financial Times Deutschland" erschien in der vergangenen Woche zum letzten Mal.

Augstein zufolge konnte „Der Freitag" zwar die Zahl seiner Abonnenten steigern und habe auch im Anzeigengeschäft zugelegt. Die Entwicklung verlaufe aber nicht rasch genug, um die Kosten zu decken. Zuletzt wies die Zeitung einen Gesamtverkauf von 13.790 Exemplaren aus. Der nach eigenem Anspruch linksliberale „Freitag" hatte in der Vergangenheit großen Wert auf den Ausbau im Internet gelegt und das Zeitungsdesign überarbeitet, was mit Preisen honoriert wurde. Die vom neuen Eigentümer erwartete Entwicklung der Verkaufszahlen blieb dahinter allerdings deutlich zurück.

Nun soll dem Vernehmen nach der Politikteil reduziert werden, die Wissenschaftsseiten von „Der Freitag" werden offenbar eingestellt. Nach Informationen aus der Redaktion wird auch das Online-Prestigeprojekt von der Krise betroffen sein. Augstein hatte auf Facebook die viel gelobte Orientierung auf eine lebendige Community nicht mehr genannt und erklärt, er glaube „an die Zukunft der Papier-Zeitung. Und auch an die des Freitag." Im Blatt verantwortlich sind derzeit der frühere Süddeutsche-Redakteur Philipp Grassmann und die Autorin Jana Hensel („Zonenkinder").

Augstein ("Im Zweifel links") hat angekündigt, sich wieder stärker in die Redaktionsarbeit einzuschalten. Dort herrschen seit Bekanntwerden der Kürzungspläne nicht zuletzt Verunsicherung und Ärger. Der Verleger habe das Blatt vor viereinhalb Jahren für seinen Aufstieg als Medienperson gebraucht, nun wolle er sich den Preis dafür nicht mehr leisten, hieß es. Die Kürzungen könnten eher der Anfang vom Ende als eine Möglichkeit der Rettung sein, sagte ein Redaktionsmitglied dem "nd". Auch bei anderen Zeitungen habe sich erwiesen, dass mit einem Schnitt in die redaktionellen Ressourcen keine Verbesserung von Qualität und Verkaufszahlen zu erreichen seien.

5 Kommentare

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  • Thore / 13. Dez 2012 11:40

    Darf man es sagen?

    Um den "Freitag" unter dem reichen Erben Jacob Augstein ist es nicht (mehr) schade. Ich habe mein Abo sehr bald gekündigt, als er das Blatt übernahm. Meine letzten Ausgaben nur noch kurz durchgeblättert und dann in die blaue Tonne geworfen. Ähnliches hörte ich von vielen Freunden und Genossen..... Die wenigen guten Artikel wurden andernorts ausreichend zitiert. Schlaf gut , Freitag. Niemand braucht Dich.

  • klausunruh / 13. Dez 2012 12:36

    Die Perspektive des Freitag

    Kurz was zum Freitag von heute: Der Freitag war immer ein spannendes Blatt - bis es dann aufgekauft wurde. Seit dem ist das intellektuelle Niveau gesunken und wesentliche Inhalte sind durch seichtes Geschreibe ausgetauscht worden. Die Kombination mit dem Guardian - einer wirklich nicht gerade linken oder tiefgründigen Zeitung - hat sich auch nicht förderlich ausgewirkt. Dass der Freitag in seinem heutigen Format verschwinden könnte, ist so, wie er heute ist, gleichgültig. Statt guter Rezensionen nur Kolumnen aus dem Leben, wie sie auch auf neon.de oder der Jugendseite der SZ (jetzt.sueddeutsche.de) stehen könnten - das ist wirklich kein Gewinn.

    Die Wochenzeitung (woz.ch) macht es doch vor: Bei einer potentiellen Leserschaft in der Schweiz von vielleicht 5 Millionen Käufern (also in etwa so viel, wie Berlin und Brandenburg zusammen) hat sie rund 2.000 Leser mehr als der Freitag. Es geht also, eine spannende, tiefgründige und linke Wochenzeitung zu produzieren. Dafür müsste der Freitag aber ziemlich anders werden.

    Eine Lösung, die ich persönlich sehr spannend finden würde, wäre die Herausgabe des Freitag durch das ND - natürlich bei gleichzeitiger Eigenständigkeit der Freitags-Redaktion. Dann könnte der Freitag weiterhin als linke Zeitschrift existieren würde sicherlich davon profitieren; das ND hätte damit eine breitere Aufstellung im linken Medienbereich. Konzeptionell fällt mir da schnell was ein, wie beide sich jeweils unterstützen und fördern könnten und wie sich das auch rechnen würde und der Freitag wieder ein Beitrag zur linken Debatte leisten würde.

    Lieben Gruß,

    Klaus

  • Thore / 13. Dez 2012 13:21

    danke für den hinweis,

    es ist doch aber gut, wenn EINZELNE User das ND nicht richtig bedienen können? oder?

  • Sissyfuss / 13. Dez 2012 14:27

    Re: Die Perspektive des Freitag

    Der Hinweis auf die WOZ ist zwar berechtigt; so etwas wie die WOZ würde ich mir auch wünschen. Aber die WOZ „profitiert“ nun mal davon, daß es in der Schweiz kein Äquivalent zu ND, taz, jW und JW gibt. (Wer jetzt einwirft, daß die taz, die jW oder die JW gar nicht links ist, kriegt ’nen Keks.)

  • klausunruh / 13. Dez 2012 20:29

    Re [2]: Die Perspektive des Freitag

    Hallo sissyfuss

    Weiter oben habe ich auf Folgendes hingewiesen: Die WOZ zeigt, dass es linken Qualitätsjournalismus geben kann, der trotzdem (bzw. deswegen) eine ordentliche Anzahl an Lesern hat. Dagegen wurde eingewandt, dass die WOZ in der Schweiz keine Konkurrenz habe. Es gäbe keine jw, taz, ND und JW sowie Freitag. Klar, das ist so. Aber es gibt in Deutschland 15-16 mal so viele Einwohner wie in der deutschsprachigen Schweiz. Damit zeigt sich, dass es so einfach nicht ist.

    Man kann sich mal die Zahlen anschauen:

    Es gibt ca. 5 Mio. deutschsprachige Schweizer. Von diesen kaufen 16.000 die WOZ. Das sind rund 0,3 % der Gesamtbevölkerung.

    Dann nehmen wir Deutschland und tun mal so, als ob es keine Doppelabos geben würde:
    ND: rund 38.000 Käufer
    jw: rund 14.000 Käufer
    taz: rund 53.000 Käufer
    Freitag: rund 14.000 Käufer
    JW: rund 12.000 Käufer
    Zusammen rund 131.000 Käufer

    Nun entsprechen 0,3% der Bevölkerung aber nun einmal rund 266.000 Käufer. Demnach müsste sich, für alle genannten Zeitungen zusammen, die Anzahl der Käufer verdoppeln, um auch nur annähernd an die prozentuale Verbreitung der WOZ heranzukommen.

    Wenn man eine Unterteilung vornimmt in Tageszeitungen und Wochenzeitungen, dann wird’s ganz anders: ND, jw und taz haben zusammen in etwa 105.000 Käufer und JW und Freitag zusammen ca. 26.000 Käufer. Um eine annähernd ähnliche Verbreitung wie die WOZ zu haben, müssten JW und Freitag zusammen ca. 250.000 Käufer haben.

    **

    Klar ist mir natürlich auch, dass das nicht übertragbar ist auf Deutschland. Aber trotzdem möchte ich anmerken, dass es sowohl wichtig ist, als auch möglich, qualitativ hochwertige linke Zeitungen und Zeitschriften herauszubringen und ökonomisch damit nicht sofort auf die Nase zu fallen. Leicht ist das nicht. Aber es gibt einen Unterschied zwischen schwierig und unmöglich.

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