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Von Tom Strohschneider
24.12.2012

573 Wörter Gauck

Zugegeben: Im vergangenen Jahr war es ein bisschen spannender. Würde sich Christian Wulff in seiner Weihnachtsansprache zu der Affäre um ihn äußern, fragten sich zumindest ein paar politische Beobachter in Berlin. Er tat es dann lieber nicht, redete über Verantwortung, Familie, über deutsche Soldaten im Ausland. So wie es Bundespräsidenten nun einmal tun. Und natürlich sprach auch Wullf ein paar Worte vom sozialen Zusammenhalt. Das kostet ja nichts in so einer kleinen Fernsehrede.

Nun also Premiere für Joachim Gauck. Ein Kollege befand nach Durchsicht des Redemanuskripts, das amtierende Staatsoberhaupt habe „neue Maßstäbe" bei seiner Weihnachtsansprache gesetzt. Gauck war Pastor und Kirchenfunktionär, eine vergangenheitspolitische Behörde trug seinen Namen. Der Mann gilt gemeinhin als guter Redner, er ist von einer übergroßen Koalition ins Amt gehievt worden. Aber neue Maßstäbe?

Seine Rede, die am Dienstagabend in der ARD und im ZDF übertragen wird, beginnt mit der christlichen Weihnachtsgeschichte. Von der Krippe rückt Gauck dann sogleich an die Front vor und dankt den Soldaten, die „unter Einsatz ihres Lebens Terror verhindern und die Zivilbevölkerung schützen". Er lobt den Friedensnobelpreis an die Europäische Union, er behauptet, Deutschland habe „die Krise bisher gut gemeistert": „Den meisten von uns" gehe es „wirtschaftlich gut, ja sogar sehr gut". Liest der Mann keine Zeitung?

Von der „Schere zwischen Arm und Reich" redet Gauck, als ob Armut und Politik im Interesse großer Vermögen mehr zufälliges Produkt einer Bastelstraße sind. Sein Begriff der „Solidarität" ist einer, dem jedes Verständnis von den gesellschaftlichen Mechanismen fehlt, weshalb Gaucks Lösung dann auch nicht etwa in Umverteilung besteht, sondern in Zuwendung. Als ob man sich den Kapitalismus schön „lieben" könnte. Funny van Dannen hat dazu alles gesagt.

Weiter im Text. Es kommen der Klimawandel, die alternde Gesellschaft. Der Präsident lobt die Engagierten, weist auf tatkräftige Politiker. Satzbausteine, die ein Staatsoberhaupt nun einmal einflechten muss. Genauso wie den Hinweis, dass ihm Gewalt gegen Menschen Sorge bereitet, die „eine dunkle Haut haben".

Der Mann, der dies spricht, ist derselbe, der einem gewissen Thilo Sarrazin attestierte, „Mut bewiesen" zu haben, weil er sich der „Sprache der politischen Korrektheit" verweigert habe. Gauck sagt, er wolle ein Gemeinwesen von Menschen, die „wohlwollend Zuwanderern begegnen, die unser Land braucht". Und was ist mit denen, die nicht in diesem Sinne „nützlich" sind, und überhaupt: Wer entscheidet darüber, welche Menschen „gebraucht" werden?

Gaucks Wortwahl „entspricht nicht den gestanzten Floskeln, wie sie in Parlament und Parteien üblich sind", hat ein Kollege über die erste Weihnachtsansprache des Bundespräsidenten geschrieben. Das so sehen zu wollen, braucht es schon eine ordentliche Portion guten Willens. 573 Wörter sind es laut Redemanuskript, zumindest hier könnte man von „neuen Maßstäben" sprechen: Christian Wulff brauchte bei seiner letzten Weihnachtsrede noch 680, Horst Köhler nahm sich bei seiner ersten Ansprache 2004 die Zeit für 720 Wörter und Johannes Rau redete und redete zur Premiere 1999: 1229 Wörter lang.

Der Bundespräsident hält die Weihnachtsansprache übrigens seit 1970. Vorher war es einer Absprache zwischen Theodor Heuss und Konrad Adenauer folgend anders herum: das Staatsoberhaupt sprach zu Neujahr, der Kanzler am Heiligen Abend. Was Angela Merkel in ein paar Tagen zum Beginn des Jahres 2013 sagen wird? Keine Ahnung. Nur eines ist sicher, neue Maßstäbe erwartet auch von ihr niemand. Staatsreden im Staatsfernsehen bleiben Staatsreden im Staatsfernsehen. Dagegen hilft nur die Fernbedienung.

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