Von Gabriele Oertel
12.01.2013

Das ungleiche Paar

Wowereit wie Steinbrück hat das politische Glück verlassen

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Wowereit bei Amtsantritt 2001...

Am 1. Oktober wird der Regierende Bürgermeister 60 Jahre alt. Keine Frage, die Nähe zum Vorruhestand sieht man ihm nicht an. Auch wenn die elfeinhalb Jahre seiner Regentschaft in Berlin nicht spurlos an ihm vorübergegangen sind – und aus »Wowi« längst Klaus Wowereit wurde.

Gerade die letzten Wochen und Monate haben sich sichtbar in das Gesicht des SPD-Politikers eingegraben. Verschwunden das entwaffnend offene Gesicht, mit dem er sich 2001 outete und als Nachfolger des CDU-Bürgermeisters Eberhard Diepgen empfahl. Vergessen die Leichtigkeit, mit der er einst manches Ungemach wahlweise weglächelte oder hinwegfegte. Immer seltener die frechen Sprüche, für die ihn die einen mögen und die anderen hassen – die ihn aber abhoben vom Durchschnitt seiner Zunft. Von wegen arm aber sexy, heute redet Klaus Wowereit wie jeder andere Politiker von Verantwortung, aus der er sich nicht stehlen wolle.

Immerhin tut er das inzwischen wieder kämpferisch. Das galt Anfang der Woche nicht unbedingt als ausgemacht, als er mit versteinertem Gesicht vor Kameras und Mikrofonen das neuerliche Desaster um den Hauptstadtflughafen eingestehen musste und alsbald Mutmaßungen die Runde machten, er wolle nicht nur als Aufsichtsratschef das Handtuch werfen. Ob Wahrheit oder Intrige – die aus den eigenen Reihen gestreuten und hernach schnell wieder dementierten Gerüchte haben Wowereit offensichtlich bestärkt, seinem Ruf als Stehaufmännchen gerecht zu werden. Ganz abgesehen davon, dass die Alternativen zum »Regierenden« in der hauptstädtischen SPD eher rar sind, seine Partei eine Woche vor der Niedersachsen-Wahl keinen Rücktritt gebrauchen kann – und man im Willy-Brandt-Haus mit den Eskapaden des Kanzlerkandidaten ohnehin genug Ärger am Hals hat.

Es entbehrt nicht gewisser Komik, dass die Geschichte zwischen Peer Steinbrück und Klaus Wowereit plötzlich eine seltsame Verbindung erlangt. Interessant nicht nur, wegen ähnlich misslicher Lage für Vertreter zweier sehr verschiedener Lebenswege: da der in Bonn lebende Diplomvolkswirt mit einem Gründer der Deutschen Bank im Stammbaum; und hier der Berliner, der freimütig bekennt, seine Familie hätte nach heutigen Maßstäben wahrscheinlich zum Prekariat gezählt. Da der Ex-Ministerpräsident, der heute launig von zusätzlichen »Ehrenrunden« in der Schule plaudert. Und hier der Regierungschef der Hauptstadt, der stolz ist, als erster in seiner Familie ein Gymnasium besucht zu haben.

Das ungleiche Paar, dessen politisches Schicksal plötzlich miteinander verbandelt ist, hat auch eine spannende Vorgeschichte. Noch vor anderthalb Jahren hatten die sich als Linke in der SPD verstehenden Genossen Wowereit als Kanzlerkandidaten ins Gespräch gebracht, weil sie unbedingt den sich damals langsam warmlaufenden Ex-Finanzminister Steinbrück verhindern wollten. Generalsekretärin Andrea Nahles jubelte 2011 unmittelbar vor Wowereits dritter erfolgreicher Wahl und ungeachtet des sich abzeichnenden Rückgangs an Wählerzuspruch in der Hauptstadt, der Berliner sei nun für »Höheres geeignet«. Und DGB-Chef Michael Sommer merkte süffisant an, ein Kanzlerkandidat müsse vor allem Wahlen gewinnen können – was allgemein als Seitenhieb auf die SPD-Troika verstanden wurde, weil weder Steinbrück, noch Frank-Walter Steinmeier oder Sigmar Gabriel als Spitzenkandidaten jemals erfolgreich waren.

Inzwischen weiß jeder, dass sich die SPD-Führung von solchen Einwänden nicht beeindrucken ließ und sich für den von Ex-Kanzler Helmut Schmidt protegierten Steinbrück entschied – aber mit Klaus Wowereit, der mit Willy Brandt einen anderen SPD-Kanzler zu seiner Leitfigur erklärt, nicht mehr viel vor hat. Und das, obwohl der Kanzlerkandidat inzwischen in den Beliebtheitswerten noch hinter Guido Westerwelle rangiert, sich aber in Berlin auch jetzt eine Mehrheit für den Verbleib des Regierenden im Amt ausspricht.
Aber Umfragen hin oder her – fest steht, dass Wowereit an Ansehen verlor. Und das liegt nicht nur an den Flughafenpannen. Es scheint, als habe ihn, der sich nach kurzem Zwischenspiel mit den Grünen 2002 mutig gegen die innerparteilichen Widersacher für ein Zusammenregieren mit der PDS und später der LINKEN entschied und als Regierungschef über allem Irdischen zu schweben schien, das Glück verlassen.

Das der seit 2011 regierenden Großen Koalition anzulasten, wäre sicherlich vermessen. Schon vor dem Zusammengehen mit der CDU hatte der Regierende dramatisch an Popularität unter den Berlinern verloren. Und im vergangenen Sommer mit Michael Müller auch noch den Partei- und Fraktionsvorsitzenden seines Vertrauens.

Diverse Volksbegehren, große Mieterproteste, der Erfolg des Wassertischs zur Offenlegung der Teilprivatisierungsverträge, der Aufstand gegen die S-Bahn-Betriebseinschränkungen vor zwei Jahren oder gegen die Lockerung des Nachtflugverbotes vor Kurzem – Indizien, dass die Hauptstädter mit ihrem wie auch immer farblich umrissenen Senat häufig über Kreuz liegen, hat Wowereit geflissentlich übersehen. Und damit viele Anhänger vergrätzt, um die er auf seiner Homepage engagiert wirbt: »Reich an Geld war Berlin nie, aber reich an Ideen, reich an Kreativität, reich an zupackenden, hart arbeitenden Menschen aus aller Welt, reich an Humor und reich an einer einzigartigen Kultur«. Von all dem Wünschenswerten für das Wohl der Stadt hat der Regierende im letzten Jahrzehnt selbst eingebüßt.

Vermutlich wird Wowereit dennoch heute das Misstrauensvotum überstehen. Und noch etwas davon haben, jetzt nach Kurt Becks Abgang dienstältester Regierungschef in der Bundesrepublik zu sein. Vielleicht feiert er als solcher auch im Mai den 150. Geburtstag seiner Partei mit. Ob er aber seinen 60. noch im Roten Rathaus begeht oder gar bis 2016 durchhält, darf bezweifelt werden.

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