Von Jürgen Amendt
25.01.2013

Letzte Ausfahrt Internet

Medienfinanzierung: Wenn der Markt es nicht mehr richten kann

Für die Zeitungsverlage war 2012 ein Jahr der Hiobsbotschaften: Die »Financial Times Deutschland«, bei der Gründung 2000 als Hoffnungsträger der Branche gestartet, wurde Anfang Dezember eingestellt; die »Nürnberger Abendzeitung« hatte sich bereits im September endgültig von ihren Leserinnen und Lesern verabschiedet; die »Frankfurter Rundschau« (FR), die alte Dame des linksliberalen Pressewesens, meldete Insolvenz an und wartet seither auf eine finanzpotenten Investor, um das endgültige Aus noch abzuwenden; beim Berliner Verlag (u.a. »Berliner Zeitung« und wie die FR mit dem Verlag DuMont Schauberg als Mehrheitseigner) drohen Stellenkürzungen; in die Insolvenz ging auch die Nachrichtenagentur dapd.

Die Liste ist sicherlich unvollständig. Geht das Zeitalter der gedruckten Presseerzeugnisse zu Ende? Ganz unbegründet ist die Frage nicht. So gab es das traditionsreiche US-Nachrichtenmagazin »Neewsweek« Ende Dezember 2012 zum letzten Mal als Print-Version Ausgabe am Kiosk; seit Anfang dieses Jahres erscheint das Magazin nur noch online. Auch für deutsche Zeitungen ist der Online-Auftritt mittlerweile mehr als nur ein Nebenprodukt. Der Axel-Springer-Verlag etwa hat im zweiten Quartal des vergangenen Jahres erstmals in seiner Geschichte mit seinen Online-Angeboten mehr Umsatz gemacht als im Printbereich. Grund für diese Verschiebung sind zum einen die Mehrerlöse im digitalen Bereich, zum anderen aber schlagen die sinkenden Umsätze für die gedruckten Zeitungen wie »Bild« und »Welt« zu Buche.

Die Printzeitung kommt aber nicht erst seit dem Auftauchen der Online-Konkurrenz unter Druck. In den vergangenen 20 Jahren verringerte sich die Zahl der Zeitungstitel von 158 auf 130, die verkaufte Auflage sank im gleichen Zeitraum von mehr als 27 Millionen auf kaum noch 18 Millionen Exemplare. Der Medienwissenschaftler Walter J. Schütz sieht dennoch keinen Grund zur Panik. Der Tageszeitungsmarkt sei »gefestigt«, schreibt er in einer Ende letzten Jahres vorgelegten Untersuchung. Schütz begründet diesen Optimismus mit den seit vier Jahren stabilisierten Verkaufszahlen der Verlage.

Besteht also noch Hoffnung für das gedruckte (Zeitungs)wort? Der Präsident der Berliner Akademie der Künste, Klaus Staeck, bleibt Optimist. »Solange sich Menschen noch als analoge Wesen verstehen, wird es auch ein Bedürfnis nach bedrucktem Papier geben«, erklärte der 74-jährige Grafikdesigner vor wenigen Wochen. Zeitungen würden deshalb nicht zu einem Nischenprodukt werden.

Die Krise der analogen Medien ist aber weniger eine des ästhetischen Erlebnisses, sondern eher eine, die von einem Missverhältnis zwischen Ausgaben und Einnahmen verursacht wird. Den gedruckten Zeitungen sind in den zurückliegenden Jahren vor allem die Anzeigenkunden weggelaufen. Zeitungen wie die FR, die früher hohe Anzeigenerlöse über Wohnungs- und Stellenanzeigen erzielte, litten darunter besonders. Diese sogenannten Rubrikanzeigen sind ins Internet abgewandert - und werden von dort nicht mehr wiederkommen.

Wie aber soll angesichts der Konkurrenz der digitalen Medien die analoge Zukunft gesichert werden? Wenn schon nicht die Erlöse nachhaltig gesteigert werden können, dann muss halt die Ausgabenseite weniger belastet werden. Dieser Gedanke mag beim Plan der SPD Pate gestanden haben, den Mehrwertsteuersatz für Presseerzeugnisse von derzeit sieben Prozent weiter zu senken. Ein entsprechender »Prüfantrag« an die Regierung wurde bereits auf den Weg gebracht. Der SPD-Medienpolitiker Martin Dörmann bringt zudem noch die Idee der direkten staatlichen Subventionierung in die Debatte. Vorbild sind die skandinavischen Länder. Während hierzulande die Zeitungen einzig vom reduzierten Mehrwertsteuersatz profitieren, fließen etwa in Schweden den Presseerzeugnissen jährlich rund 60 Millionen Euro an staatlichen Subventionen zu. Ähnlich in Dänemark; dort sind Zeitungen und Magazine zusätzlich vollständig von der Mehrwertsteuer befreit. In Zukunft, so verkündete es die sozialdemokratisch geführte Regierung unlängst, sollen vom Pressesubventionswesen in Dänemark auch Online-Medien profitieren.

Die Erfolgsaussichten für die Umsetzung solcher Modelle in Deutschland sind gering. Der medienpolitische Sprecher der Unionsfraktion im Bundestag, Wolfgang Börnsen, ist gegen Steuererleichterungen für die schwächelnden Zeitungsverlage. Die staatliche Unabhängigkeit der Medien müsse gewährleistet bleiben. Dörmanns Parteikollege Marc Jan Eumann, Medienstaatssekretär der SPD-geführten Landesregierung in Nordrhein-Westfalen, bringt als Alternative die Rundfunkabgabe, die zu Jahresbeginn die GEZ-Gebühr abgelöst hat und die jetzt jeder Haushalt entrichten muss, ins Spiel. Von Eumann stammt auch der Plan, »Stipendien« für Journalisten zu vergeben und dafür eine Stiftung zu gründen. Das Geld sollen Zeitungen erhalten, die z.B. einen Redakteur über einen längeren Zeitraum für eine Recherche entbehren und dafür Ersatz beschaffen müssen. Ähnliches schlagen die Grünen vor. Die medienpolitische Sprecherin der Grünen-Bundestagsfraktion, Tabea Rößner, favorisiert dabei eine staatlich unabhängige Stelle, die einzelne journalistische Projekte fördert. Ihre Parlamentskollegin Kathrin Senger-Schäfer von der Linkspartei will die Förderung nicht nur auf Printerzeugnisse beschränkt wissen. Zum Qualitätsjournalismus zähle sie auch »gehaltvolle Beiträge in Blogs und Autorennetzwerken«, sagt die medienpolitische Sprecherin der Linksfraktion.

Schon die Idee staatlicher Subventionen aber macht die Verlage misstrauisch. Die großen Player wie etwa Springer fürchten, über Geldspritzen staatlich gegängelt zu werden. »Direkte Subventionen lehnen die Verlage aus Gründen der Wahrung ihrer Unabhängigkeit ab«, sagt der Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes der Deutschen Zeitschriftenverleger, Dietmar Wolff kategorisch. »Die Debatte muss weg von der Fokussierung auf die Rettung der Printzeitung«, meint deshalb der Leiter des Dresdner Instituts für Bildung und Beratung, Heiko Hilker. Er favorisiert ein Modell, in dem die Rundfunkbeitragszahler über die Verwendung eines Teilbetrags der Gebühr für Angebote im Internet selbst entscheiden und damit bestimmte Zeitungen unterstützen können. »Wir brauchen eine Debatte um die Zukunft des Journalismus im Netz und dessen Finanzierung«, betont Hilker.

Manchen Medienfachleuten ist das schon wieder zu konservativ gedacht. Für den Journalisten und Blogger Christian Jakubetz etwa ist der Weg des Journalismus ins Internet unumkehrbar. »Journalismus wandert ins Netz ab. Aber guter Journalismus ist nicht von seinem Datenträger abhängig.«

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