Von Ingolf Bossenz
13.02.2013

Kein Kuschelpapst im Mammon-Sumpf

Benedikt XVI. verfügte Änderungen in der skandalträchtigen Vatikanbank und brüskierte so die Finanzmafia

Nur alt und krank? Oder ist da mehr? Nach der Rücktrittserklärung von Benedikt XVI. sprießen die Spekulationen. Nicht alle sind abwegig.

Seine Kräfte seien nicht mehr geeignet, »um in angemessener Weise den Petrusdienst auszuüben«. Der Mann, der als erster Papst seit über 700 Jahren dieses Amt niederlegt, berief sich in seiner Rücktrittserklärung ausschließlich auf diesen »Petrusdienst«, dessen »geistliches Wesen« er betonte.

Eine hehre Begründung. Doch zeigen einschlägige Schicksale, Biografien und Erfahrungen, dass es in der Regel weniger das Jenseitig-Heilige ist, das Menschen in die Knie und zum Aufgeben zwingt, sondern vielmehr das Profane, das Diesseitig-Ordinäre. Und damit hatte Benedikt XVI., wie jeder Papst, mehr zu tun, als ihm zweifellos lieb und zuträglich war.

Immerhin ist der »Stellvertreter Christi« nicht für ein Dutzend Jünger zuständig, sondern für ein komplettes, wenn auch überschaubares Staatswesen, bürokratisch-kuriale Strukturen - und eine Bank. Eine Bank, deren offizieller Eigentümer der Papst ist und deren Gebaren und Geschäfte in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten immer wieder für skandalhechelnde Medienberichte sorgten. Da war es nur naheliegend, dass unter den Spekulationen über die »wahren« Rücktrittsgründe Benedikts die Frage auftauchte, ob die aktuellen Finanzskandale mit dem Rückzug Joseph Ratzingers vom Stuhl Petri in Verbindung stehen.

Eine berechtigte Frage. Schließlich war es Benedikt XVI., der versucht hatte, das bis dato weitgehend unkontrollierte und entfesselte Wellenreiten in den monetären Kanälen des päpstlichen Geldinstituts in glättende und kontrollierte Bahnen zu zwingen.

Anlass dafür war das 2009 erschienene Buch »Vatikan AG« des italienischen Enthüllungsautors Gianluigi Nuzzi. Was Nuzzi dort ausbreitete, war verwirrend. Doch genau in dieser Verwirrung lag die Methode. Die Methode, dass Geld nicht gleich Geld ist. Dass schmutzige Summen zu sauberen Erlösen werden. Geldwäsche nennt man das. »Denn«, so der Autor, »in manchen Fällen fungierte das IOR wie eine Waschanlage für schmutziges Geld.« IOR - Istituto per le Opere di Religione, auf deutsch: Institut für die Werke der Religion. So der offizielle Name der Vatikanbank, deren Diskretion so weit geht, dass sie nicht einmal auf der offiziellen Internetseite des Heiligen Stuhls erwähnt wird. Das IOR verwaltet mehr als fünf Milliarden Euro Ersparnisse von Orden, kirchlichen Einrichtungen und Diözesen weltweit und stellt die Gewinne daraus unmittelbar dem Papst zur Verfügung. So konnte Johannes Paul II. seinerzeit problemlos 100 Millionen Dollar der antikommunistischen Oppositionsbewegung in Polen zukommen lassen.

Der polnische Papst war es auch, der den Kundenkreis der Bank auf alle erweiterte, die bereit sind, einen Teil ihrer Einlagen für »gute Werke« zu spenden. Dieser Anteil wird umgehend abgezogen, die Konten selbst sind steuerbefreit. Man konnte also mitten in Rom Geschäfte über eine ausländische Bank abwickeln, für die die Kontrollbestimmungen zwischen Banken sowie internationale Vereinbarungen gegen Geldwäsche nicht gelten. Das IOR kann nicht polizeilich durchsucht, seine Telefone dürfen nicht abgehört und seine Mitarbeiter nicht vernommen werden. Der Vatikanstaat ist das einzige europäische Land, das nicht ein einziges Rechtshilfeabkommen mit anderen Staaten des Kontinents unterzeichnet hat. Eine Einladung an alle Geldrünstigen, ihre Transaktionen in den Schatten des Heiligen Vaters zu stellen. Nuzzis Enthüllungen und der Druck der Ermittlungsbehörden veranlassten Benedikt XVI. zum Handeln. Er verfügte personelle und strukturelle Änderungen in der Vatikanbank. »Nach Erscheinen meines Buches in Italien«, sagte mir Nuzzi, »hat Benedikt im Herbst 2009 IOR-Präsident Angelo Caloia anderthalb Jahre vor Auslaufen seines Mandats in den Ruhestand geschickt. Der Vatikanstaat schloss ein Währungsabkommen mit der Europäischen Zentralbank, das unter anderem vorsieht, dass der Vatikan die Geldwäschebestimmungen der EZB übernimmt.« Ratzinger richtete zudem eine vatikanische Finanzaufsichtsbehörde ein.

Dass ausgerechnet der als weltabgewandter Gelehrter geltende deutsche Papst beherzt in den Sumpf des Mammons griff, muss für die Finanzmafia ein veritabler Schock gewesen sein. Der Druck auf sie nahm bislang ungekannte Formen an. Im vorigen Jahr geriet auch der von Ratzinger eingesetzte Bankchef Ettore Gotti Tedeschi ins Visier der Korruptionsermittler und musste seinen Posten räumen, der seitdem nur kommissarisch besetzt ist. Die Croupiers im klerikalen Kasino hatten sich verspekuliert: Benedikt erwies sich nicht als der von ihnen erhoffte Kuschelpapst.

Auch wenn Finanzgeschäfte gewiss nicht das Metier Ratzingers sind, nahm er sie doch ernster als sein vor allem mit Weltreisen beschäftigter Vorgänger. Die Gründlichkeit, die dem Oberbayern als Theologe eignet, erwies sich als Gift für all jene Geldgeschäftemacher, die auf die Unbedarftheit Benedikts setzten. Ob es auch Gift war, das dem Leben von Johannes Paul I. 1978 ein Ende setzte, wurde nie bewiesen. Aber ebenso nie widerlegt. Der »33-Tage-Papst« wollte offenbar kurz vor seinem plötzlichen Ableben korrupte Machenschaften der Vatikanbank aufdecken und beseitigen. Nach der Wahl von Johannes Paul II. kamen die großen Skandale mit dem bis heute ungeklärten Tod des Vatikan-Finanziers Roberto Calvi 1982. Selbst danach funktionierte die Geldwaschmaschine weiter.

Heute muss man konstatieren, dass Benedikt XVI. sie als erster Papst ernsthaft in Frage stellte. Eine Gefahr, die nun gebannt ist?