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Von Martin Koch
16.02.2013

Innere und äußere Welt

Von Lenin geschmäht, von Einstein verehrt: Vor 175 Jahren wurde der Physiker und Philosoph Ernst Mach geboren

Ernst Mach um 1910
Ernst Mach um 1910

Zwischen Februar und Oktober 1908 verfasste Wladimir Iljitsch Lenin sein Werk »Materialismus und Empiriokritizismus«, das später Eingang in den Kanon der philosophischen Klassikerschriften fand. 1927 wurde es ins Deutsche übersetzt und später in der DDR in großer Auflage gedruckt. Denn Lenins Buch gehörte zum festen Bestandteil der für alle Studenten obligatorischen Ausbildung im Fach Marxismus-Leninismus (ML) und musste daher zumindest in Auszügen gelesen werden.

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Einstein an Mach: »Es freut mich außerordentlich, dass bei der Entwicklung der Theorie die Tiefe und Wichtigkeit Ihrer Untersuchungen über das Fundament der klassischen Mechanik offenkundig wird.«

Vielen könnte dabei ein Name im Gedächtnis geblieben sein: Ernst Mach. Gegen diesen österreichischen Physiker-Philosophen, dessen Geburtstag sich am 18. Februar zum 175. Mal jährt, war Lenins scharfe Polemik hauptsächlich gerichtet. Der Grund: Mehrere namhafte russische Sozialisten hatten seinerzeit versucht, die subjektiv-idealistischen Anschauungen Machs mit dem Marxismus zu verbinden. Dass ein solches Vorhaben vom Ansatz her scheitern musste, legte Lenin in »Materialismus und Empiriokritizismus« so überzeugend dar, dass sich selbst ein Philosoph vom Schlage eines Karl R. Popper davon später beeindruckt zeigte. Noch 1991 erklärte dieser in einem Interview: »Ich war erstaunt, wie gut das Buch (von Lenin) ist. Ich habe die selben oder ähnliche Meinungen über Mach gehabt.«

Obwohl Lenin nicht alle Aspekte des Machschen Denkens thematisierte, war seine Kritik von nachhaltiger Wirkung. Sie verhinderte in der DDR noch in den 50er Jahren eine souveräne Einschätzung Machs. Diese Erfahrung musste auch der Philosoph Friedrich Herneck (1909-1993) machen, der als Dozent für dialektischen Materialismus an der Berliner Humboldt-Universität lehrte. 1958 wurde ihm die Lehrbefugnis entzogen - unter anderem wegen »Verherrlichung von Mach, Ostwald und Einstein«! Zwar durfte Herneck ab 1964 wieder Vorlesungen halten, allerdings war er zuvor aus dem Bereich Philosophie in den Bereich Wissenschaftsgeschichte »strafversetzt« worden. Hier, abseits vom Hauptstrom der Ideologie, gelang es ihm, das marxistische Mach-Bild von vielerlei Einseitigkeiten zu befreien und verständlich zu machen, warum kein Geringerer als Albert Einstein Mach hoch verehrte.

Und das, obwohl Mach den von vielen Physikern praktisch vertretenen Materialismus ablehnte und die Annahme einer vom Bewusstsein unabhängigen Außenwelt für unzulässig erklärte. »Die ganze innere und äußere Welt«, schrieb er, »setzt sich aus einer geringen Zahl von gleichartigen Elementen in bald flüchtigerer, bald festerer Verbindungen zusammen. Man nennt diese Elemente gewöhnlich Empfindungen.« Ein Ding sei mithin nichts anderes als »ein Gedankensymbol für einen Empfindungskomplex von relativer Stabilität«. Damit entfällt laut Mach auch der traditionelle Dualismus von Subjekt und Objekt, Körper und Geist. Denn erst die Beziehung zwischen den per se neutralen Empfindungen entscheide, ob diese letztlich der Physik oder Psychologie zuzurechen seien.

Dass ausgerechnet an Marx geschulte Denker mit solchen und ähnlichen Ideen die sozialistische Theorie glaubten bereichern zu können, brachte Lenin gehörig auf die Palme. »Das ist keine Philosophie, ihr Herren Machisten«, wetterte er, »das ist zusammenhangloses Geschwätz.« Andererseits stellte Lenin in seinen späteren philosophischen Schriften fest, dass ein kluger Idealismus dem klugen Materialismus näher stehe als ein dummer Materialismus. Zwar bezog sich dieser Satz vornehmlich auf das Verhältnis von Marxismus und Hegelscher Dialektik. Aber er trifft auch auf Teile der Machschen Philosophie zu, in der sich zahlreiche Gedanken finden, die für die Entwicklung der Naturwissenschaften von maßgeblicher Bedeutung waren.

1883 veröffentlichte Mach sein historisch-kritisches Werk »Die Mechanik in ihrer Entwicklung«, in dem es heißt, dass »nicht sinnlich Aufzeigbares« in der Naturwissenschaft keinen Platz habe. Folglich seien die von Isaac Newton in die Mechanik eingeführten Begriffe des absoluten Raumes, der absoluten Zeit und der absoluten Bewegung überflüssige metaphysische Vorstellungen, die niemand empirisch verifizieren könne. Ohne es zu ahnen, gab Mach damit den Anstoß zu einer wissenschaftlichen Revolution, die heute vor allem mit dem Namen Albert Einsteins verbunden ist, der Machs »Mechanik« schon als Student mit Begeisterung gelesen hatte. Als Einstein 1905 die spezielle Relativitätstheorie begründete, ging er davon aus, dass es weder eine absolute Gleichzeitigkeit noch eine absolute Zeit gibt. Vielmehr hängen alle zeitlichen (und räumlichen) Beziehungen vom Bewegungszustand des jeweiligen Beobachters ab. Vereinfacht gesagt folgt daraus, dass eine bewegte Uhr langsamer geht als eine ruhende Uhr (Zeitdilatation), und dass sich bewegte Gegenstände in Bewegungsrichtung verkürzen (Längenkontraktion).


»Ich halte die Nationalitätsidee für eine bedauerliche Borniertheit und für einen furchtbaren Rückschritt. Unter diesem Vorwand wurden die größten Brutalitäten begangen wie unter dem Vorwand der Religion im 17. Jahrhundert.«
Mach, 1897

»Schon jetzt steht manchem freidenkenden Deutschen der freidenkende Tscheche, Jude, Franzose, Italiener näher als mancher andere Deutsche. Das Ergebnis des Kampfes um Ideen wird nicht dieser oder jener Rasse, diesem oder jenem Volk allein, sondern allen Völkern zugute kommen.«
Mach, 1907


Noch bevor die Relativitätstheorie allgemeine Anerkennung fand, schrieb Einstein, der damals als Patentbeamter in Bern arbeitete, am 6. August 1909 einen Brief an Mach. Darin würdigte er besonders dessen Buch über die Mechanik und fügte hinzu, dass Machs Erkenntnistheorie für die jüngere Physiker-Generation von unschätzbarer Bedeutung gewesen sei. Außerdem versuchte Einstein geschickt, wenn auch vergeblich, Mach von der Existenz der (sinnlich nicht wahrnehmbaren) Atome zu überzeugen. Wer es überhaupt wagte, in Machs Gegenwart von realen Atomen zu sprechen, dem pflegte dieser schroff zu entgegnen: »Habn›s schon mal eins g‹sehn?«

Der Relativitätstheorie stand Mach dagegen wohlwollend gegenüber, wie Einstein am 17. August 1909 zufrieden auf einer Postkarte an Mach feststellte, die er mit »Ihr Sie verehrender Schüler« unterzeichnete. Zur etwa selben Zeit erfuhr Mach auch von Lenins Kritik an seinen philosophischen Grundpositionen - und fühlte sich, wie er einem Freund mitteilte, gründlich missverstanden: »Übrigens bin ich mir eines Gegensatzes gegen Marx und schon gar gegen die Sozialdemokratie überhaupt nicht bewusst. Jedenfalls sind Tüfteleien nicht am Platze, wo es um politisches Handeln geht.« Hierzu muss man wissen, dass Mach, der Mitglied des Oberhauses des österreichischen Parlaments war, den Sozialdemokraten um Viktor Adler nahe stand und die Partei bei Abstimmungen unterstützte. Außerdem wandte sich Mach entschieden gegen die, wie er sagte, »modernen Geldkriege« und verurteilte jede Form des Nationalismus und Rassismus (siehe Randspalte).

Er stimmte darin weitgehend mit Einstein überein, der vermutlich 1911 oder 1912 eigens nach Wien reiste, um Mach zu besuchen. Zu dieser Zeit arbeitete Einstein an der allgemeinen Relativitätstheorie, an der Mach ebenfalls lebhaftes Interesse zeigte, zumal er in seiner »Mechanik« auch hierzu anregende Gedanken geäußert hatte. »Es freut mich außerordentlich«, erklärte Einstein gegenüber Mach, »dass bei der Entwicklung der Theorie die Tiefe und Wichtigkeit Ihrer Untersuchungen über das Fundament der klassischen Mechanik offenkundig wird.«

Doch dann wendete sich plötzlich das Blatt. In einem auf das Jahr 1913 datierten und 1921 veröffentlichten Vorwort zu einem Buch über physikalische Optik distanzierte sich Mach von Einstein. Die Relativitätslehre, schrieb er, nehme immer dogmatischere Züge an. Er müsse sie daher für seine Person ebenso ablehnen wie einst die »atomistische Glaubenslehre«. Heute wird vermutet, dass nicht Mach selbst der Autor des Vorworts war, sondern dessen ältester Sohn Ludwig, der den neuen Entwicklungen in der Physik skeptisch gegenüberstand. Einstein freilich hatte davon nicht die leiseste Ahnung. Wie enttäuscht, ja entsetzt er über die Ablehnung der Relativitätstheorie war, wurde 1922 in Paris offenbar, als man ihn auf einer Tagung nach Mach befragte. Hatte er diesen zuvor stets in höchsten Tönen gelobt, antwortete er nun: »Mach war ein guter Mechaniker, aber ein kläglicher Philosoph.« Auch in seiner 1947 verfassten Selbstbiographie merkte Einstein an, dass Mach den konstruktiv-schöpferischen Charakter aller Wissenschaft nicht durchschaut und sich stattdessen auf die möglichst sparsame Ordnung von Erfahrungstatsachen beschränkt habe. Ähnliche Gedanken finden sich auch bei Lenin, dessen Schriften Einstein aber nur vom Hörensagen kannte.

Gleichwohl war Einstein einer der wenigen deutschen Gelehrten von Weltruf, die sich in der Weimarer Zeit anerkennend über den Begründer des Sowjetstaates äußerten. »Ich verehre in Lenin einen Mann«, schrieb er 1929, »der seine ganze Kraft unter völliger Aufopferung seiner Person für die Realisierung sozialer Gerechtigkeit eingesetzt hat.« Zwar halte er die Methoden der Bolschewiki in der Politik für unzweckmäßig, so Einstein weiter, dennoch sehe er in Lenin einen »Hüter und Erneuerer des Gewissens der Menschheit«.

Und wie war es umgekehrt? In seinem Buch »Materialismus und Empiriokritizismus«, das 1909 erschien, erwähnte Lenin Einstein mit keinem Wort, was nicht weiter verwunderlich ist, denn die Relativitätstheorie war damals nur Insidern bekannt. Erst später lernte er die bahnbrechenden Ideen des deutschen Physikers kennen und schätzen. Als Lenin 1922 in seiner Schrift »Über die Bedeutung des streitbaren Materialismus« für ein Bündnis von Kommunisten und nichtkommunistischen Naturforschern warb, lobte er ausdrücklich Einsteins materialistische Grundhaltung und würdigte die Relativitätstheorie.

Eines allerdings blieb Lenin verborgen, nämlich die enorme Bedeutung, die Mach für die intellektuelle Entwicklung des jungen Einstein hatte. Er sah folglich auch keinen Grund, den von ihm einst so heftig gescholtenen österreichischen Physiker-Philosophen zumindest in Teilen zu rehabilitieren.

Martin Koch, geb. 1954, hat an der Humboldt-Universität Physik und Philosophie studiert. Er arbeitet als Wissenschaftsjournalist in Berlin und Thüringen.

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