08.03.2013

Sprachkritik ist Systemkritik

Nadine Lantzsch über die »Männersprache« Deutsch

Ein wesentlicher Bestandteil feministischer Kritik ist die Skandalisierung von Sprache als diskriminierend. Bereits vor 30 Jahren kritisierte die feministische Linguistin Luise Pusch die deutsche Sprache als „Männersprache“. Rezeptionsstudien zu Sprache und Geschlecht zeigen, dass mit dem sogenannten „generischen Maskulinum“ oder dem Wörtchen „man“ weder „alle“ gemeint sind noch sich angesprochen fühlen.

Die Herstellung und Normsetzung eines „männlichen“ Subjekts in Sprachhandlungen innerhalb eines sexistischen Systems als universal und allgemein menschlich, führt zum Ausschluss und Nicht-Mitdenken von Frauen, Lesben, Trans* und Inter* Personen sowie zu diskriminierenden Fremdbezeichnungen. Damit wird auch ein sexistisches System am Leben gehalten.

Sollte dann nicht das System als solches kritisiert werden, statt sich auf einen Aspekt wie Sprache zu konzentrieren? Lann Hornscheidt, Professx für Gender Studies und Sprachanalyse an der Humboldt-Universität Berlin, sieht in Sprachhandlungen nicht nur eine Äußerungsform von Sexismus, sondern auch die Grundvoraussetzung für sexistische Strukturen und Diskurse. Sprache ist nicht nur Abbildung von Wirklichkeit, sie konstruiert diese, weil sie in erster Linie „sozial normiert“ sei und auf „gesellschaftlich machtvollen Übereinkünften“ beruhe. Durch Sprachhandlungen würden diese „gesellschaftlichen Normierungen auch immer wieder re_produzier[t]“, weshalb Sprache somit für „Ausschlüsse und Machthierarchien“ sorge (Lann Hornscheidt: feministische w_orte, Brandes & Apsel, 2012, Seite 40).

Das „generische Maskulinum“ ist und wirkt also keinesfalls „generisch“, sondern stellt eben eine „soziale Norm“ und „machtvolle Übereinkunft“ dar, wie auf Personen sprachlich Bezug nimmt - oder auch nicht. Die Kritik am Maskulinum ist nicht nur eine Kritik an seiner Verwendung, sondern gleichzeitig immer eine Kritik an seiner Entstehung, Manifestation, Wirkung und Bedeutung, also eine Systemkritik.

Es gibt einige Sprachformen, die in den sexistischen Normalzustand intervenieren oder den Konstruktions- und damit wirklichkeitsaufweichenden wie -verändernden Charakter von Sprache sichtbar machen: Das Binnen-I oder die Beidnennung von „männlichen“ und „weiblichen“ Anreden dürften bekannt sein. Der „gender_gap“, der beispielweise in „Autor_innen“ eine Lücke zwischen die „weibliche“ und „männliche“ Form schiebt, lässt Platz für sprachliche Repräsentationen jenseits binärer Geschlechterlogik und hebt Brüche und Leerstellen von Sprache qua Zeichensetzung hervor. Auch veruneindeutigende Pronomina wie „sier“ oder das englische „they“ sollen Menschen Orte der sprachlichen Sicht- und Wahrnehmbarkeit verschaffen und bewusst Vorannahmen beim Gegenüber irritieren. Ein Sternchen hinter Begriffen wie Mann* oder Frau* hinterfragt die vermeintliche Eindeutigkeit geschlechtlicher (Fremd)Zuordnung und betont den Konstruktionscharakter von Geschlecht.

Weiter gehen dynamische Unterstriche, die innerhalb von W_Orten wandern (z.B. Freu_ndinnen), um verschiedene Bedeutungsebenen sicht- und sprechbar zu machen und die vorgebliche Notwendigkeit vergeschlechtlichter Sprache zu kritisieren. Die Tatsache, dass Menschen und die Gesellschaft, in der sie leben, ohne die Kategorie „Geschlecht“ undenkbar, nicht vorstellbar wären, wird auch durch das x-en von Wörtern wie im Fall von „Professx“ kritisiert.

Postgender als Ausweg? Keineswegs! Im Gegensatz zur Idee von postgender, nach der Geschlecht gesellschaftlich irrelevant sei, Sexismus damit nur eine Frage der individuellen Interpretation von Wirklichkeit und daher die Fortführung des (sprachlichen) Status Quo legitim, verdeutlichen die eben genannten Interventionen, wie fundamental und schwer zu durchbrechen sexistische Strukturen sind, solange eine Gesellschaft ohne Sexismus und die Herstellung und Einschreibung von Geschlecht in Welt als dessen Grundlage kaum vorstell-, sicht- und wortbar ist.

Und der „Frauen“(kampf)tag? Offenbar bietet der Begriff ausreichend Gelegenheiten, um die Notwendigkeit des Aktionstages zu bagatellisieren, indem es mittlerweile internationale Tage für Männer gibt oder Frauen am 8. März Blumen geschenkt bekommen, statt ihren politischen Anliegen Aufmerksamkeit zu schenken. Keine Beachtung findet die Tatsache, dass es neben Frauen vor allem Trans* und Inter* Personen sind, die durch ein System von Zwangszweigeschlechtlichkeit, patriarchaler Ausbeutung und Heteronormativität zugerichtet werden. „Antisexistischer Kampftag“ wäre also eine sprachliche Alternative, über die nachzudenken lohnenswert ist. Dieser sollte übrigens 365 Tage im Jahr stattfinden.

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